Home Office gehört noch zu den leichteren Opfern, die während eines Hausarrests gebracht werden. Foto: Pixabay Janeb 13

Ein bundesweiter Hausarrest wird immer wahrscheinlicher. Der scheint auch notwendig zu werden, weil viele Bürger den Sinn der bisherigen Maßnahmen offensichtlich nicht verstehen. Doch eine Frage macht den Schritt für die Verantwortlichen so schwer: Was kommt nach dem Hausarrest?

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Die Gonsenheimer Ortsvorsteherin Sabine Flegel hat am Sonntag ein Foto veröffentlicht, das viele Reaktionen hervorrief: Es zeigt eine Menschenmenge, die Rücken an Bauch vor einer Eisdiele steht. Das Bild ist symbolisch für den bisherigen Umgang der Masse mit der Corona-Prävention.

Sie halten sich weitgehend an die neuen Regeln. Doch sie stoßen massenweise in die vorhandenen Lücken. So sind derzeit die Baumärkte überfüllt. Aber nicht von Handwerkern, die Material brauchen, um die Grundversorgung zu sichern. Nicht einmal von Knaupern, die zuhause Schäden reparieren wollen beziehungsweise müssen.

Es sind Menschen, die Erde und Blumen kaufen. Denn bald ist April. Da wird der Garten gemacht. Da treffen sich dann beide Attitüden, die eine kritische Masse in Deutschland derzeit hat: Maximalforderungen, wenn es um andere geht. Null Frustrationstoleranz bei sich selber.

Wir bringen Opfer

Betriebe schließen oder zeitweise gegen Null fahren? Ja, klar, Gesundheit ist wichtiger als Wirtschaft. Das sagt sich auch leicht. Vor allem, wenn man sein Geld über den öffentlichen Dienst verdient oder durch Rundfunkgebühren. Doch hier werden Menschen um ihr Lebenswerk und ihre Existenz gebracht.

Wir bringen als Gesellschaft das Opfer. Viele stehen dahinter und fordern mehr. Solange es um andere geht. Nur sind halt viele, die mit lockerer Zunge die Existenzvernichtung anderer fordern, nicht einmal bereit, den Kompromiss eines vernachlässigten Gartens zu schließen.

Der Bundesliga-Fußball hat gezeigt, dass wir harte Regeln brauchen. So wurde die Partie Mönchengladbach gegen Köln zum Geisterspiel, um die Verbreitung des Virus zu verhindern. Daraufhin haben sich die Fans vor dem Stadion getroffen. Dort breitet sich der Virus ja nicht aus.

Ein Hausarrest wird die „Corona-Party“ verhindern. Die Schlange vor der Eisdiele. Oder den Auflauf an Hobbygärtnern im Baumarkt, die zudem in großen Teilen zu der Risikogruppe gehören, die vor dem Virus geschützt werden soll: den Alten.

Lückenloser Hausarrest?

Doch der Hausarrest wird nicht lückenlos sein. In Spanien gibt es zum Beispiel Ausnahmen: Menschen dürfen zum Arzt, zur Apotheke, in den Supermarkt oder den Hund Gassi führen. Das Problem ist nur: Für die Sicherheitskräfte wird es schwieriger, den Arrest sicherzustellen. Das eine ist es, Straßen leer zu halten. Das andere, die Berechtigung jeder Ausnahme zu prüfen.



Allerdings zeigt das zwei Probleme auf, die Verantwortliche noch vor diesem letzten Schritt abhalten: Zum einen brauchen wir die Lücken. Denn sie sichern die Grundversorgung. Würden wir als Gesellschaft zum Beispiel den Gang zum Supermarkt verbieten, müssten wir die Ernährung sicherstellen.

Viele haben Vorräte angelegt. Aber auch nur einen Haushalt verhungern zu lassen, ist ethisch und rechtlich nicht verantwortbar. Also müsste der Staat die Haushalte mit Essen versorgen. Die Belagerung West-Berlins hat gezeigt, welche Riesenaufgabe es ist, zwei Millionen Menschen zu ernähren – hier reden wir von über 80 Millionen Menschen.

Zumal wir nicht wissen, wie lange der Hausarrest notwendig sein wird. Sicher. Es gibt Vorräte. Aber die sind endlich. Immer. Die Spargelernte steht an, irgendwann wird es die Mais- oder die Weizenernte geben. Der Weizen muss vom Feld geholt werden, zur Verarbeitung gebracht werden, verarbeitet werden und zum Verbraucher gebracht werden. All die dafür notwendigen Menschen müssen aus dem Hausarrest herausgenommen werden.

Was, wenn es nicht hilft?

Das andere Problem der Politik: Was ist, wenn sich der Corona-Virus trotz Hausarrest weiter verbreitet? Bisher gab es eine Eskalationsleiter: Großveranstaltungen absagen – Läden schließen – und dann eben Hausarrest. Doch dann wäre das Ende der Eskalationsleiter erreicht.

Möglich wäre dann noch der ausnahmslose Hausarrest. Der ist aber nicht möglich: Wasser- und Stromversorgung brauchen wir weiterhin. Lebensmittel auch. Gesundheitswesen sowieso. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und trotzdem sind dann Millionen Menschen notwendig, die aus einem ausnahmslosen Hausarrest genommen werden müssen.

Und selbst weniger bedeutend scheinende Ausnahmen werden notwendig sein. Theoretisch können wir von Menschen verlangen, dass sie kampflos zusehen, wie ihre Existenz verloren geht. Theoretisch können wir von Menschen verlangen, dass sie ihr Haustier aufgeben oder eben ohne Ausgang in der Wohnung halten. Wir können sogar von Kranken verlangen, zeitweise auf ihre Medikamente zu verzichten.

Aber eben theoretisch. Praktisch wird das seinen Preis haben. Da geht es nicht nur um Unwohlfühlen. Auch da sind Tote möglich: Bei Herzpatienten, die ihre Medikamente nicht einnehmen, ist das offensichtlich. Bei Unternehmern, die ihre Existenz verlieren oder Tierhaltern, die ihr Tier aufgeben müssen, ist das weniger offensichtlich. Aber durchaus möglich.

Den Lebenszweck erhalten

Es gibt etwas, das die Franzosen den Raison d’Etre nennen. Den Lebenszweck. Die Psychologie kennt durchaus Fälle, in denen Menschen ihren Lebensmut und dann auch das Leben gegeben haben, weil sie diesen Zweck verloren haben.

Der Hausarrest mit Ausnahmen wird kommen. Das ist sicher. Doch damit spielt die Politik ihre letzte vergleichsweise einfache Karte aus. Geht die Ausbreitung dann nicht zurück, steht eine Entscheidung an, die Verantwortliche zur schwerst möglichen Entscheidung zwingt: Dem Abwägen zwischen Menschenleben. Der Verzicht auf einen ausnahmslosen Hausarrest kann Leben kosten. Ein ausnahmsloser Hausarrest kann aber auch Leben kosten.

Welche Lösung schlagen wir als Boostyourcity vor? Keine. Es ist nicht hilfreich und es ist auch nicht die passende Zeit, zu klugscheißern. Es ist die Zeit, den Verantwortlichen Vertrauen zu schenken. Sie werden Fehler machen. Keiner kann in dieser Zeit keine Fehler machen. Bis zu einem gewissen Maß müssen wir das als Gesellschaft akzeptieren.

Das ist auch nicht der Aufruf an die Zivilgesellschaft zu kapitulieren: Geht der Weg massiv in eine falsche Richtung, müssen wir das äußern. Nutzt jemand die Krise zur individuellen Bereicherung, muss das angeprangert werden.

Aber jeder für sich aufhören würde, von anderen maximale Opfer zu fordern und selber bereit seine, persönlich deutlich mehr Opfer aufzubringen, dann wären wir schon einen guten Schritt weiter darin, die Krise zu meistern. Es ist definitiv die Zeit, das Ich zurückzustellen. Wir brauchen mehr Wir.

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