Sabrina Heiler führt wegen der Einschränkungen durch Corona viele Interviews online. (Foto: FH Münster/Katharina Kipp)

Nachrichten Gesundheit | Kinder, die stottern, leiden häufig – nicht nur wegen des nicht flüssigen Sprechens, also der unfreiwilligen Pausen, Dehnungen und Wiederholungen, sondern auch wegen möglicher Folgen wie Scham, soziale Ängste bis hin zu Mobbing. Aufmerksamkeit für die Schwierigkeiten, die Stotternde bewältigen müssen, will auch der Welttag des Stotterns am Donnerstag (22. Oktober) schaffen.


Kinder, die selbstbewusst mit dem Stottern umgehen, greifen auf Schutzfaktoren zurück

Denn die Herausforderungen, denen stotternde Kinder im Alltag begegnen, sind groß, und viele sind dadurch belastet. Doch nicht jedes Kind fühlt sich durch sein Stottern beeinträchtigt. Manche verfügen über eine so große psychische Widerstandsfähigkeit, in der Fachsprache Resilienz genannt, dass sie die Herausforderung des Stotterns bewältigen, selbstbewusst damit umgehen und sogar gestärkt daraus hervorgehen. Wie genau Resilienz und Stottern zusammenhängen, untersucht Sabrina Heiler am Fachbereich Gesundheit der FH Münster, der Münster School of Health (MSH), in ihrem Promotionsvorhaben.

„Kinder, die selbstbewusst mit dem Stottern umgehen, greifen auf Schutzfaktoren zurück. Das sind Ressourcen wie zum Beispiel Empathie oder Optimismus. Genauso wichtig ist aber auch die elterliche Unterstützung“, sagt Heiler. Eltern stotternder Kinder seien häufig besorgt über die Auswirkungen des Stotterns auf das Kind und seine Entwicklung. „Sie machen sich Selbstvorwürfe. Manche tabuisieren sogar das Stottern, um ihr Kind zu schützen. Das kann dazu führen, dass dieses dadurch noch mehr verunsichert ist.“

Es gibt schon viele tolle Ansätze

In ihrer Promotion untersucht Heiler, wie betroffene Kinder die Situation selbst erleben und wie Eltern ihre Schützlinge wahrnehmen – noch bevor eine Stottertherapie beginnt. „Mein Ziel ist es, die Ressourcen der Kinder direkt am Anfang zu untersuchen, um diesen Status Quo gezielt in die Therapie einbinden zu können.“ Denn wie diese ablaufe, sei auch stark abhängig von Maßnahmen, die zu den Bedürfnissen des Kindes passen müssen. „Es gibt schon viele tolle Ansätze in diesem Bereich, die auch die Ressourcen berücksichtigen. Ein differenziertes Wissen über diese Faktoren speziell bei Kindern kann deshalb die Planung einer Therapie optimieren und so das Kind in seiner Resilienz stärken.“ Ein niedriges Selbstbewusstsein lasse sich zum Beispiel gezielt fördern.

Eine Herausforderung sei, dass das Störungsbild des Stotterns sehr vielfältig ist. „Der Stotterschweregrad ist unterschiedlich, die Therapieansätze sind es auch, und es lässt sich nicht eindeutig vorhersagen, bei welchen Kindern sich das Stottern im Laufe der Entwicklung zurückbildet.“ Die Chancen für diese spontane Rückbildung seien bis zum Schuleintritt am höchsten, und eine Therapie begünstige diesen Effekt. Mit zunehmendem Alter sinke die Wahrscheinlichkeit allerdings. „Eine frühzeitige Therapie ist also wichtig. Und dazu zählt auch, dass mit dem Stottern offensiv umgegangen wird. Die Enttabuisierung ist ein wichtiger Punkt. Besonders für die Eltern ist auch die Beratung im Rahmen der Stottertherapie sehr entlastend, was sich dann wieder positiv auf das Kind auswirken kann.“



Heiler weiß ganz genau, wovon sie spricht

Die Klinische Linguistin hat sich auf das Stottern spezialisiert und selbst schon viele Kinder und Jugendliche in der logopädischen Praxis behandelt. Dann kam der Wunsch, wissenschaftlich zu arbeiten. „So bin ich auf Prof. Dr. Anke Kohmäscher und ihr Forschungsvorhaben PMS KIDS aufmerksam geworden und arbeite jetzt als wissenschaftliche Mitarbeiterin in ihrem Team.“ Kohmäscher erforscht zusammen mit Prof. Dr. Stefan Heim, Universitätsklinikum Aachen, die Wirksamkeit des Verfahrens „Kinder Dürfen Stottern“ (KIDS). Dieses ist in der ambulanten Therapie weit verbreitet. „Wir untersuchen unter Alltagsbedingungen, wie sich der Ansatz KIDS bei stotternden Grundschulkindern zwischen sieben und elf Jahren auf das Befinden und das Sprechen auswirkt“, erklärt Kohmäscher.

Seit Oktober 2018 arbeiten sie daran, bis zum Frühjahr 2022 läuft die PMS KIDS Studie – und das Promotionsprojekt von Sabrina Heiler, deren fachliche Betreuerin Kohmäscher ist, deckt einen Teilaspekt ab. Für ihre Studie sucht die Promovendin noch Teilnehmerinnen und Teilnehmer: stotternde Kinder im Alter von acht bis 14 Jahren, die in Deutschland leben und derzeit nicht in sprachtherapeutischer Behandlung sind. „Die Ergebnisse meiner Untersuchungen stelle ich den Eltern natürlich anschließend zur Verfügung.“ Wer Interesse hat, meldet sich per Mail an sabrina.heiler@fh-muenster.de oder telefonisch unter 0251 83-65893.

Zum Thema: Das Forschungsprojekt von Prof. Dr. Anke Kohmäscher und Prof. Dr. Stefan Heim heißt PMS KIDS – gemeint ist damit prospektive multizentrische Studie zur Wirksamkeit ambulanter Stottertherapie nach dem Stottermodifikationsansatz KIDS. Die Versorgungsstudie wird über den Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) finanziert, und der Förderzeitraum geht über dreieinhalb Jahre: von Oktober 2018 bis März 2022.

Informationen zum Forschungsprojekt PMS KIDS: https://www.pms-kids.de/