Der Brunnen auf dem Odilienplatz ist ein beliebter Treffpunkt. Foto: Mario Thurnes
Der Brunnen auf dem Odilienplatz ist ein beliebter Treffpunkt. Foto: Mario Thurnes

Boostyourcity-Saarland.de ist nicht nur ein Portal für Nachrichten für das Saarland – sondern auch für Geschichten aus dem Saarland. Für Menschen, die nördlich von Wadern oder östlich von Homburg leben. Deswegen stellen wir freitags in einer Serie saarländische Städte und Gemeinden vor. Dieses Mal: Dillingen.

Dillingen. Sommer 2008. Die Europameisterschaft im Fußball beginnt und die Linke feiert ein Volksfest in Dillingen. Vom Band beschwört die „Goombay Dance Band“ die „Sun of Jamaica“. Der Besuch von Oskar Lafontaine wird von hunderten Besuchern erwartet. Der steht in den Umfragen vor der SPD und könnte Ministerpräsident werden – in der Zeit vor Winfried Kretschmann oder Bodo Ramelow eine Sensation.

Die Leute erzählen von früher. Sie hätten in der selben Straße in Dillingen-Pachten gelebt wie Lafontaine, als er noch ein Bub war. Es muss eine große Straße gewesen sein, denn wirklich alle Besucher haben in ihr gelebt. Aus den Boxen dröhnt weiter 70er Jahre Musik. Früher, da hätte es noch Politiker gegeben, erzählen die Besucher. Der Wehner, der Brandt – sogar der Strauß. Das wären Kerle gewesen. “Der Oskar“ sei noch so einer wie die drei. Und einer von ihnen, einer aus dem Volk, sei er zudem auch.

Die Vergangenheit ist präsent in der Stahlstadt. Zumal sie mit der Hütte einer der letzten verbliebenen Leuchttürme aus der Zeit des Reichtums ist, den die Montanindustrie mit sich brachte. Dummerweise lag diese Blüte in der Nachkriegszeit – und es hat dem Stadtbild nicht gut getan, dass investiert wurde, als gerade ein fragwürdiger architektonischer Zeitgeist herrschte.

Doch darüber nachzusinnen, ist Schnickschnack. Gebaut werden musste. Der letzte Kriegswinter setzte Dillingen übel zu. Army und Reichswehr lieferten sich harte Gefechte. Die Einschüsse trafen auch die zivilen Häuser. Und was schön ist, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Siedlungen 800 vor Christus

Was Ende des Zweiten Weltkriegs passierte, zieht sich als roter Faden durch die Geschichte Dillingens: Die Menschen wollten schon früh hierher. Die Saar und die Prims-Mündung boten gute Möglichkeiten, zu leben und zu wirtschaften. Es gibt Spuren, die auf Siedlungen um 800 vor Christus hinweisen. Doch auf eine Blüte folgte immer auch eine Zerstörung. Nach der Völkerwanderung oder dem Dreißigjährigen Krieg war die Gegend phasenweise entsiedelt.

Auch die Fahnen an den Masten veränderten sich: mal war es die französische Trikolore, dann das Schwarz-Weiß-Rot der Preußen und schließlich Schwarz-Rot-Gold, als die Zeit des Saarstatuts endgültig vorbei war. Dass es überhaupt ein Saarland gibt, dass die Alliierten nach den Kriegen ein besonderes Interesse an diesem Landstrich hatten, das lag vor allem an Städten wie Dillingen.

Kohle und Stahl bedeuteten Macht – und brachten Wohlstand. Relativen Wohlstand. Die Stahlarbeiter verdienten zwar besseres Geld als beispielsweise die Kollegen auf dem Bau. Doch es war sauer verdientes Geld. Harte Arbeiten unter mitunter unvorstellbar hohen Temperaturen.

Das hat die Menschen geprägt. Sie sind nicht unfreundlich. Aber auch nicht euphorisch. Wer hart arbeitet und seinen Vorgarten sauber hält, den akzeptieren sie irgendwann. Apropos Vorgärten. Im Norden der Kernstadt herrscht in so vielen Straßen Rechts-vor-Links, dass Fahrlehrer gerne mit ihren Schülern herkommen – um zu üben.

Treffpunkt Odilienplatz

Wobei die Stadt in den letzten 20 Jahren noch einmal einiges getan hat, den Verkehr rund um die Fußgängerzone zu beruhigen. So ist der Odilienplatz zwar etwas betonlastig – wie es zentrale Plätze in anderen Städten auch gerne mal sind – doch die rund 20 000 Einwohner Dillingens kommen gerne her und genießen von hier aus den Blick auf den Saardom.

Dillingen geht es besser, als seinen saarländischen Nachbarn. Das hat die Prognos AG in ihrem Zukunftsatlas der Stadt bescheinigt. Doch ob es wieder zu alter Größe reicht, daran zweifeln nicht nur die Zukunftsforscher.

So hat die Vergangenheit in Dillingen immer wieder mal Konjunktur. Womit wir zurück auf dem Volksfest der Linken sind. Im Jahr 2008. Hier singt mittlerweile Ofra Haza vom Band. „Im nin’alu“. Ein Hit aus den 80ern. Alle glauben „der Oskar“ wird noch einmal Ministerpräsident. So wie früher. Die Geschichte wird etwas anderes mit sich bringen. Und auf dem Fest reicht es einem Besucher mit Ofra Haza. Mitten im Lied, stoppt er den Song. Stattdessen läuft nun wieder die Sun of Jamaica.