Maren Gottschalk, "Wie schwer ein Menschenleben wiegt", ist bei C.H.Beck erschienen. Foto: C.H. Beck

Maren Gottschalk hat eine Biografie über Sophie Scholl veröffentlicht, die für ihre Kritik am Dritten Reich mit dem Leben zahlen musste. Das Buch „Wie schwer ein Menschenleben wiegt“ rückt den Menschen hinter der Ikone in den Vordergrund.

Erst im letzten Viertel ihrer Scholl-Biographie kommt Autorin Maren Gottschalk zur Weißen Rose. Jener Widerstandsgruppe, die in München, Ulm, Saarbrücken und Hamburg Flugblätter verteilte, in denen sie zum passiven Widerstand gegen die totalitäre Diktatur Adolf Hitlers aufrief. Deren heute prominentesten Vertreter waren die Geschwister Hans und Sophie Scholl.

Es ist eine andere Frage, die im Mittelpunkt der Biografie steht: „Wie schwer ein Menschenleben wiegt“. So hat die Autorin ihr bereits zweites größeres Werk über Sophie Scholl benannt. Demnach steht nicht die Widerstandskämpferin im Mittelpunkt, sondern eine nur 21 Jahre alt gewordene Frau, die geliebt, geschwommen, gewandert, Vorlesungen geschwänzt, Konzerte besucht und über den Wunsch, einmal Mutter zu sein, nachgedacht hat.

Gottschalks Biografie überzeugt durch die gute Quellenkenntnis der Autorin. Sie hat nicht nur die zugänglichen Briefe und Tagebucheinträge Sophie Scholls ausgewertet, sondern kennt auch die Quellen zu anderen Protagonisten der Weißen Rose in einer beeindruckenden Tiefe und hat mit verbliebenen Zeitzeugen gesprochen.

Anekdoten hinterfragt

Anekdoten, die über Scholl verbreitet werden, hat Gottschalk kritisch hinterfragt. Einige konnte sie bestätigen, andere als Legenden überführen. Einen breiten Raum nimmt dabei die Beziehung Scholls zu dem Soldaten Fritz Hartnagel ein. Jener hatte aus privaten Gründen nach dem Krieg eine vollständige Auswertung der Briefe verhindert, um seine Privatsphäre zu schützen. Mittlerweile können sie – soweit erhalten – vollständig veröffentlicht werden.

Es ist die Geschichte einer religiösen, jungen Frau, die sich an Wochenenden mit einem Mann trifft und danach in Briefen und Tagebucheinträgen bereut, was im Hotelzimmer passiert ist. Die auch in Kontakt zu anderen Männern steht, Fritz zwar nachvollziehbar liebt, aber auch ob seines Intellekts hadert, der weniger philologisch als in Scholls Umfeld üblich ist. Statt an einer Ikone zu feilen, gelingt es Gottschalk genau in jenen Passagen, den Menschen hinter der Widerstandskämpferin erkennbar zu machen.

Auch der Jugend Scholls gibt die Autorin einen breiten Raum. Zeigt, dass diese nicht nur Mitglied in der Nazi-Organisation Bund Deutscher Mädel (BDM) war, sondern ehrgeizige Gruppenführerin. Die zwar im BDM aneckte. Aber nicht, weil sie Hitler oder das Regime kritisiert hätte – sondern weil sie den konservativen Ulmern zu forsch und burschikos agierte.

Klub für jüdische Mitschülerinnen

Wessen Tod wie im Fall Sophie Scholl aber eine historische Dimension hat, dessen Leben wird immer ein Stück weit vom Ende aus gesehen werden. Auch in dem Punkt profitiert der Leser von Gottschalks guter journalistischer Arbeit. Etwa wenn sie eine Anekdote als wahr identifiziert, nach der die noch kindliche Scholl einen „Klub“ für jüdische Mitschülerinnen gründete, weil sie es als ungerecht empfand, dass sie nicht in den BDM durften.

Auch schreibt Gottschalk über die Vorliebe der Schülerin Sophie Scholl für die Rilke-Erzählung „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“. In diesem glorifiziert Rilke den Heldentod. Den der Soldaten.

Später, in dem Teil ihres Lebens, der in „Wie schwer ein Menschenleben wiegt“ das letzte Viertel ausmacht, sagt Sophie Scholl, es fielen so viele für dieses Regime, es sei Zeit, dass jemand dagegen falle. Es ist letztlich der Teil ihres Lebens, wegen dem immer noch Biografien über sie geschrieben werden.


Maren Gottschalk, „Wie schwer ein Menschenleben wiegt / Sophie Scholl / Eine Biografie“ ist bei C.H. Beck erschienen und für 24 Euro im Handel erhältlich.