Foto: Chiara Forg

Nachrichten Mainz | Die beiden langjährigen Freundinnen Beate Walter und Christine Coraci haben einmal wöchentlich ein Spießrutenlauf vor sich. Die Fahrt mit der Straßenbahn wird für beide oftmals zur Belastungsprobe, denn sie werden regelmäßig von den Fahrern an Haltestellen in Mainz stehen gelassen. Grund dafür ist die körperliche Einschränkung von Beate Walter. Boost your City hat mit den beiden darüber gesprochen.

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Beate Walter ist auf einen Rollator angewiesen

Die 56-jährige Beate Walter leidet seit 26 Jahren an Ataxie. Es handelt sich dabei um eine Erkrankung des Kleinhirns, das für die Bewegungskoordination und das Gleichgewicht zuständig ist. Aufgrund ihrer Krankheit ist sie auf einen Rollator angewiesen, denn ohne diesen verliert sie ihr Gleichgewicht und kippt um. „Ich kann ohne meinen Rollator nicht mal mehr eigenständig stehen. In eine Straßenbahn einsteigen geht wegen der Stufe selbst mit dem Rollator nicht, dann falle ich einfach um“, berichtet Beate Walter.

Doch sie ist auf die Straßenbahn angewiesen, um zumindest ein Mal in der Woche ihre 23-Jahre alte Tochter Lisa zu besuchen, die ebenfalls an Ataxie leidet. Da die Krankheit bei Lisa schon weiter fortgeschritten ist und sie nicht mehr für sich selbst sorgen kann, lebt sie seit vier Monaten in einer Pflegeeinrichtung in Hechtsheim. Die 23-Jährige spricht nur noch sehr wenig. Ihr fallen die Wörter einfach nicht mehr ein, obwohl sie noch weiß, was sie eigentlich sagen möchte, weshalb ihre Mutter eine der wenigen Personen ist, mit der sie sich noch unterhalten kann.

Alleine Bahnfahren traut sich Beate Walter nicht

Wenn Beate Walter ihre Tochter besucht, läuft sie von ihrer Wohnung in der Mainzer Neustadt bis zur Haltestelle Bismarckstraße in Mainz. Von dort aus müsste sie bis zum Schillerplatz fahren und von dort aus in die Straßenbahn nach Hechtsheim umsteigen. Dabei wird sie von ihrer Freundin Christine Coraci begleitet, denn alleine zu fahren traut sie sich nicht. Grund dafür sind die Fahrer in der Straßenbahn, die alles andere als hilfsbereit sind und sich oftmals sogar weigern die Rampe heraus zu fahren, damit die 56-Jährige überhaupt einsteigen kann.



„Die Straßenbahnfahrer weigern sich und drehen den Kopf weg“

„Nur zwei Fahrer sind wirklich nett und helfen gerne. Ein Großteil macht es mit Widerwillen, manche weigern sich komplett. Selbst wenn ich persönlich nach vorne gehe und die Fahrer bitte uns zu helfen, drehen die oft nur den Kopf weg. Dann schließen sie die Türen und fahren einfach ohne uns weg. Wir stehen dann oft Ewigkeiten an der Haltestelle und warten, bis uns einer der Fahrer hilft. Das frustriert uns beide immer wieder aufs Neue und langsam wissen wir nicht mehr, was wir noch machen sollen. Es geht ja wirklich nur darum die Rampe raus zu fahren. Alles andere schafft sie dann selbst“, berichtet Christine Coraci.

Die Mainzer Mobilität äußerte sich dazu

Nachdem Christine Coraci ihrem Ärger darüber in den sozialen Medien Luft gemacht hatte, reagierte die Mainzer Mobilität darauf: „Wir möchten uns für Ihre negativen Erfahrungen entschuldigen und verstehen, dass dies für Sie sehr frustrierend ist. Unser gesamtes Fahrpersonal ist geschult, die Rampe zu bedienen und weiß auch, dass dies ihre Aufgabe ist. Jedoch ist es tatsächlich so, dass dies nicht für Rollatoren gilt. Wir haben verschiedene Richtlinien und es gibt deshalb auch Abgrenzungen, wann die Rampe zu bedienen ist und wann nicht. Die Regel ist bei uns, dass wir für Rollatoren und Kinderwagen keine Rampe rauslassen, sondern nur für Rollstühle (elektrisch, E-Scooter etc.). Wir wissen, dass diese Antwort für Sie nicht zufriedenstellend ist, aber leider muss unser Fahrpersonal die Rampe nicht rauslassen, wenn sie es tun, ist dies freiwillig.“, erklärte das Unternehmen.



„Eine andere Option haben wir nicht“

Für die beiden Frauen ist diese Aussage natürlich nicht zufriedenstellend, denn sie sind dringend auf die Hilfe angewiesen. Aufgrund der Besuchszeiten in der Pflegeeinrichtung, gibt es auch nur ein sehr enges Zeitfenster, in denen Besuch empfangen werden darf. Manchmal schaffen sie es nicht mehr rechtzeitig, sodass sich Mutter und Tochter gar nicht sehen. Für beide eine riesige Enttäuschung.

„Eine andere Option als die öffentlichen Verkehrsmittel haben wir leider nicht. Das ist die einzige Möglichkeit, dass die beiden sich überhaupt noch sehen. Es ist daher sehr frustrierend, dass wir nicht geholfen bekommen, nur weil die Fahrer nicht dazu verpflichtet sind. Ein bisschen Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit zu zeigen, das haben wir doch alle gelernt“, sagte Beate Walter.

Christine Coraci hofft noch immer auf Einsicht von Seiten der Mainzer Mobilität und der Straßenbahnfahrer. Eine Einigung auf eine tragbare Lösung wäre wünschenswert. Boost your City berichtet nach und bleibt in Kontakt mit den beiden Frauen.

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