Nathalie Böhm (r.) „schiebt“ Frank und Károly mitten hinein ins Glück. Links freut sich Ferienhausbesitzer Ingo Fischer. Foto: Wohnsitzlos in Mainz e.V. / Julie Fischer

Nachrichten Mainz | Zuhause bleiben und direkte soziale Kontakte meiden. Diese Einschränkung ist für viele ein Problem. Doch was, wenn man gar kein Zuhause hat? Besonders Obdachlose haben es in den Zeiten von Corona schwer. Sie haben oft Vorerkrankungen und zählen daher zur Risikogruppe. Daher überlassen die Ferienhausbetreiber Julie und Ingo Fischer zwei wohnsitzlosen Menschen für mindestens einen Monat ihr komplettes und vollständig eingerichtetes Ferienhaus in Mainz-Finthen.

 


Beide Obdachlose gehören zur Risikogruppe

An diesem Samstagnachmittag konnten Frank und Károly (die Namen wurden geändert) ihr neues Heim auf Zeit beziehen. Károly leidet an einer Herzkrankheit. Damit gehört er zur der Risikogruppe für das Coronavirus. Er erhält als nicht-deutscher EU-Bürger keine finanzielle Hilfe vom Staat. Zudem hat er in seinem Heimatland keine Familie, die ihn unterstützt.

Frank gehört ebenfalls zur Risikogruppe. Als Deutscher Staatsbürger hat er eigentlich ein Anrecht auf staatliche Hilfe. Doch die Scheu, zu den entsprechenden Behörden zu gehen und die Anträge auszufüllen war bislang zu hoch. Deshalb lebt er seit Jahren ohne festen Wohnsitz von seinem Ersparten, das langsam aufgebraucht ist.

Wichtig: Es wird darum gebeten, keine Essens- oder Sachspenden vor dem Haus abzustellen. Zudem sollte in der aktuellen Situation von Besuchen der Obdachlosen Abstand genommen werden.

Alles begann mit einem Facebook-Post

Caroline Elfers ist eine Bekannte der Familie Fischer. Sie machte in einem Facebook-Post  an diesem Mittwoch auf die schwierige Situation der Wohnsitzlosen in der aktuellen Lage aufmerksam: „Ihr Lieben, die Corona-Krise trifft uns alle. Am meisten trifft es aber die, die sowieso schon nichts haben: Unterkünfte werden geschlossen und Lebensmittelverteilungen werden eingeschränkt oder unterbunden. Ich suche für ein paar sehr zuverlässige, ordentliche Obdachlose, die in ein paar Tagen ihre Unterkunft verlassen müssen, einen Garten, am besten mit einer Hütte, in der Nähe der Mainzer Innenstadt. Zwei der Jungs sind Gartenbauer und würden den Garten sicherlich so richtig auf „Hochglanz“ bringen. Ich bin gerne bereit die Jungs zu betreuen und nach dem Rechten zu sehen. In der jetzigen Unterkunft, verhalten sie sich vorbildlich. Bitte denkt noch einmal nach, vielleicht kennt ihr ja auch jemanden, der ein Grundstück besitzt, in dem sie Schutz finden könnten.“



Julie und Ingo Fischer wollten helfen

Als Julie und Ingo Fischer den Beitrag sahen, war ihnen klar, dass sie helfen wollen. Allerdings wollten sie den Wohnsitzlosen mehr anbieten als nur einen Zeltplatz im Garten, denn „es hätte sich nicht richtig angefühlt, hilfsbedürftige Menschen im Garten, ohne Bett und vor allem ohne sanitäre Anlagen, campen zu lassen, wenn bei uns gleichzeitig Ferienhäuser leer stehen“.

Über Facebook antworteten sie ihrer Bekannten: „Caroline, wir helfen gerne. Wie viele Personen sind es? Unser ‚Ferienhaus in Mainz steht die nächsten Wochen leer, ebenfalls wegen Corona, weil derzeit niemand reisen will oder darf. Da nutzen Julie und ich gerne die Chance, etwas Gutes tun zu dürfen. Vielen Dank dafür!“

Bereits einen Tag später kam es zu einem ersten Treffen in der Prunkgasse in Mainz-Finthen mit den zwei Wohnsitzlosen.

Die Familie erfüllte sich einen Lebenstraum

Vor rund zehn Jahren erfüllten sich Ingo und Julie Fischer als junge Familie mit kleinen Kindern einen Lebenstraum in Mainz-Finthen. Dort haben sie einen Bauernhof inklusive Scheune und großem Garten in der Prunkgasse gekauft. Sie sanierten rund anderthalb Jahre lang das um 1900 erbaute Anwesen. Damit schafften sie mehr Wohnfläche, als sie selbst benötigten. Deshalb begann die Familie im Jahr 2017 damit, drei Häuser auf dem Bauernhof an Feriengäste zu vermieten.

„Die Feriengäste lieben unser „Gartenhaus“, „Brunnenhaus“ und „Hofhaus“, doch die Corona-Pandemie hat unser Ferienhausgewerbe praktisch von einem Tag auf den anderen von 100 auf null gefahren“, sagt Ingo Fischer. „Dass in diesen Zeiten niemand mehr reisen will, ist für mich nicht nur nachvollziehbar, sondern absolut richtig. Wir unterstützen ausdrücklich den Appell ‚Stay at Home!‘“

Die Corona-Krise trifft die Familie Fischer genauso hart wie andere Gewerbetreibende in der Touristikbranche. Die finanzielle Lage ist auch für sie existenzbedrohend geworden. „Unsere finanzielle Lage ist in der Tat ernst, aber sie ist nicht lebensbedrohlich“, so Ingo Fischer. „Damit geht es meiner Familie deutlich besser als dem schwächsten Teil unserer Gesellschaft, nämlich wohnungs- und obdachlosen Menschen“.

Weiter Informationen zu den Ferienhäusern findet ihr auf der Homepage ferienhausmainz.com

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