Der Enkeltrick wird öfters entdeckt und angezeigt. Schlecht für die Statistik, gut für die Senioren. Foto: Pixabay Sabine van Arp

Saarbrücken. Die Zahl der gemeldeten Straftaten ist im Saarland im vergangenen Jahr um 3800 Fälle gestiegen. Knapp 75 000 Straftaten wurden im Land registriert. Doch der Anstieg ist eigentlich eine gute Nachricht.

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Gerne gehen Politiker mit der Botschaft hausieren: „Unser Land ist sicher. Denn die Zahl der Straftaten ist gesunken.“ Doch das ist inhaltlich Blödsinn. Und politisch gefährlich. Wer so argumentiert, macht eine bewusste Falschinterpretation, um sich in der öffentlichen Debatte Pluspunkte zu verschaffen.

Denn in der Kriminalstatistik geht es nicht um die Zahl der Straftaten – sondern um die Zahl der gemeldeten Straftaten. Sprachlich ist das ein kleiner, inhaltlich ein Riesen-Unterschied: Eine Zunahme an gemeldeten Straftaten kann eine positive Nachricht sein.

Zum Beispiel bei Vergewaltigungen. Viele Frauen zeigen diese nicht an. Manche haben Angst davor, im Laufe des Prozesses die Qual noch einmal durchleben zu müssen. Andere glauben nicht an die Verurteilung ihres Peinigers. Überwinden sie diese Gefühle, zeigen den Täter an und führen ihn seiner gerechten Strafe zu, dann ist das gesellschaftlich gesehen eine gute Nachricht. Auch wenn die Zahl in der Statistik steigt und dem Politiker sein Narrativ von dem sicheren Land zerstört.

Der saarländische Innenminister Klaus Bouillon (CDU) kommt dieses Jahr nicht in die Versuchung, die Erzählung von der Sicherheit zu verbreiten, die durch sinkende Zahlen belegt werde. Seine Zahlen sind gestiegen, das macht ihn zum Realisten: „Der Anstieg der Zahlen muss im Kontext gesehen werden.“

Höhere Betrugszahlen – geringere Schäden

Der Anstieg lasse sich dadurch erklären, dass die Polizei mehr kontrolliere und Opfer öfters eine Anzeige erstatten, sagt Bouillon. Das gelte besonders für den „Enkeltrick“, mit dem Senioren um ihr Erspartes gebracht werden. Die Polizei und das Ministerium haben intensiv über diese Masche aufgeklärt. Das führe dazu, dass diese und ähnliche Delikte öfters gemeldet werden – ein gewünschter Effekt also. Denn: Der Schaden, der durch Delikte in diesem Bereich entsteht ist auf unter 250 000 Euro gesunken – und hat sich damit innerhalb eines Jahres fast halbiert.

2019 gab es 1500 zusätzliche Fälle von Verbrechen im Internet, das ist ein Zuwachs von 40,2 Prozent. Betrug zum Nachteil älterer Menschen nahm demnach um 304 Fälle zu. Das ist fast eine Verdopplung.

Die Straßenkriminalität hat um 1100 Fälle zugenommen. Das sind 9,2 Prozent Steigerung. Die Rauschgiftskriminalität ist um 500 Fälle gestiegen – ein Zuwachs von 15,7 Prozent. Das führt Bouillon auf die verstärkten Kontrollen durch die Polizei zurück.

Gewalt gegen Polizisten nimmt zu

Insgesamt ist die Aufklärungsquote um 2,1 Prozentpunkte auf 54,0 Prozent gesunken. Aber auch das ist nicht unbedingt eine schlechte Nachricht, sondern statistisch bedingt. So gibt es Straftaten mit einer hohen Aufklärungsquote: Schwarzverfahren wird zum Beispiel so gut wie nie gemeldet, wenn der Täter nicht feststeht. Mehr Schwarzfahrer sind schlecht, bedeuten aber eine bessere Aufklärungsquote. Der aktuelle Zuwachs im Saarland lässt sich durch den Anstieg der Internet-Straftaten erklären, wie Bouillon sagt. Denn die Täter säßen oft im Ausland, was den Zugriff auf sie erschwere.

Ein Posten in der Statistik verunsichert den Innenminister aber wirklich: 466 Fälle von Widerstand gegen Polizisten gab es 2019. Das sind 58 Fälle mehr als im Jahr davor. „Diese Steigerung ist erschreckend, deshalb werde ich auch nicht müde, eine Strafverschärfung bei gewalttätigen Angriffe gegen unsere Polizistinnen und Polizisten zu fordern“, sagt Bouillon.