Foto: Meikel Dachs

Für die einen nur ein ungewohntes Bild, für Fußball-Fans kaum zu ertragen: Fußballspiele im Geisterstadion, ohne Publikum, ohne Jubel, ohne Fan-Gesänge. „Jetzt ist also per Dekret vollzogen, wozu ein echter Fußballfan aus freien Stücken niemals bereit gewesen wäre“, sagt der Mainzer Fan-Forscher Roman Becker.

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„Ein Fan würde lieber sterben als seine Mannschaft im Stich zu lassen“, weiß Becker, der sich seit mehr als 20 Jahren mit emotionaler Kundenbindung beschäftigt. Dass sich hunderte Gladbach-Fans dennoch vor dem gesperrten Stadion versammelten und ihre Derby-Helden feierten, sei nur ein Beispiel von vielen. Inzwischen hat die Deutsche Fußball Liga eine Pause der Bundesliga-Spiele angekündigt – am Wochenende rollt der Ball aber noch in den Geisterstadien.

Emotionale Bindung der Fans

„Fans sind besonders leidensfähig – sei es im Sport, in der Musikwelt, in Unternehmen.“ Roman Becker erklärt: „Eine Fan-Beziehung beruht auf einer emotionalen Bindung.“ Diese lasse den Fan auch in schwierigen Zeiten zu seinem Idol stehen – und für ein Fan-Erlebnis sogar Krankheit in Kauf nehmen. Eine überwältigende Mehrheit der Fans antworte in Befragungen, dass sie sich eine Welt ohne ihren Verein, ohne ihr Idol nicht vorstellen könne.

Fan-Prinzip in Unternehmen

Diese typischen Verhaltensweisen greifen nicht nur im Fußball. „Aus unserer Grundlagenforschung wissen wir, dass Unternehmen mit einer hohen Fan-Quote unter ihren Kunden und Mitarbeitern wirtschaftlich erfolgreicher sind als andere“, erklärt der Marktforscher. Sie profitierten in hohem Maße von ihren Fan-Kunden: „Denn diese kaufen mehr, sie kaufen häufiger, sie sind weniger preissensibel, sie bewerten Konditionen besser, haben den höchsten Deckungsbeitrag und sind beste Botschafter.“ Aber ein Fan-Merkmal sei aktuell ganz besonders wichtig: Fans bleiben auch in schlechten Zeiten treu.

Das sich ausbreitende Corona-Virus wird auch ein Bewährungstest für viele Unternehmen sein. „Aus mehr als 20 Jahren Marktforschung zum Thema emotionale Kundenbindung wissen wir: Unternehmen, die es in der Vergangenheit geschafft haben, ihre Kunden zu echten Fans zu machen, werden auch diese Krise weitgehend unbeschadet überstehen“, ist sich Roman Becker sicher.

Fans in Krisenzeiten

Fankunden sind – so der Fan-Forscher – die wichtigsten Mitstreiter in Krisenzeiten. „Sie stehen in Krisenzeiten nicht nur zu ihrem „Star“, sie verteidigen ihn sogar in der Öffentlichkeit.“ Becker zitiert ein Beispiel aus den sozialen Netzwerken: Fast zeitgleich habe es eine Panne gegeben – bei der Deutschen Bank und bei ALDI. Die Supermarktkette hatte Kunden den doppelten Wert ihres Einkaufs abgebucht. Bei der Deutschen Bank wurden dem Kunden Abbuchungen lediglich doppelt angezeigt. Die Diskussion wurde hitzig in den sozialen Netzwerken ausgetragen und war hochinteressant: Die Fankunden verteidigten ALDI und ersticken so den sich anbahnenden „shitstorm“ im Keim, während die Deutsche Bank dem „shitstorm“ ihrer Gegner nahezu „schutzlos“ ausgesetzt war. Zur Info: Aldi hatte damals eine Fan-Quote von 31 Prozent, die Deutsche Bank eine Fan-Quote von 11 Prozent.

Fans verzeihen …

„Fans verzeihen Fehler und auch schlechte Leistungen; sie stehen zu ihrem Verein, zu ihrem Musik-Star, zu ihrem Unternehmen, auch wenn sie mit Pannen und Niederlagen und schlechten Botschaften konfrontiert werden“, so Becker. Er ist sich sicher: „Gerade, weil zum Beispiel Fußball-Fans die Bilder von leeren Rängen in ihrem Stadion kaum ertragen können, gerade weil sie ihren Idolen nicht mehr nah sein können, wird die Liebe zum Star in Krisenzeiten noch intensiver werden.“

Weitere Informationen zum Fan-Prinzip und zu Fan-Studien: www.2hmforum.de


 

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