Johannes Klomann hält für die SPD das Direktmandat in der Mainzer Innenstadt. Das wird bei der Landtagswahl schwer zu verteidigen sein, da die Grünen in den dazugehörigen Stadtteilen den Ortsvorsteher stellen. Doch Klomann ist sich sicher, das Mandat verteidigen zu können. Dabei sieht er die Realität als seinen Verbündenten.

Keine drei Wochen mehr bis zum Wahlsonntag, die Briefwahl hat schon begonnen. Wie läuft der Wahlkampf in Corona-Zeiten, Herr Klomann?

Komplett anders. Planung ist die große Herausforderung. Es ist nichts mehr so, wie es den Erfahrungen der letzten Jahre entspricht. Da galt es, irgendwann Entscheidungen zu treffen. Buchen wir Säle, wie viele Give Aways bestellen wir…

Wann sind diese Entscheidungen gefallen?

Im November. Uns war im November klar, dass wir Ersatz-Formate brauchen, mit denen wir den Wahlkampf online unterstützen können. Das war natürlich eine Herausforderung. Allerdings eine Herausforderung, der sich alle Mitbewerber stellen mussten. Und es gibt sogar Momente, die Spaß machen oder in denen sich die neuen Formate als Vorteil erweisen.

Wie sehen die aus?

Man macht mehr. Online-Veranstaltungen haben eine andere Vorbereitung. Sie sind letztlich einfacher vorzubereiten und wir erreichen ein Publikum, das wir vorher mit Veranstaltungen nicht erreicht haben.

Gebührenfreie Bildung als Thema

Nun haben Politiker wie jeder Mensch unterschiedliche Stärken. Sie können unter anderem im direkten Gespräch gut punkten. Ist es da nicht eine Einschränkung, wenn diese Gespräche wegfallen?

Absolut. Zumal es nicht gut ist für das eigene Gefühl. Am Stand geben dir die Menschen ein Gefühl dafür, wie die Stimmung ist. Fehlt das, fühlst du dich wie in einem abgeschlossenen Raum. Das macht einen – das merke ich schon auch an mir – selbst ein wenig nervös. Wobei die Parteien in Mainz ausgemacht haben, jetzt auch wieder mehr Stände zu wagen. Und im Gespräch mit den Menschen merkst du, dass sie nach solchen direkten Formaten ausgehungert sind. Das gilt gerade für ältere Menschen.

Nun ist Corona nicht nur ein Umstand, sondern auch ein Thema. Eines, das viel Aufmerksamkeit bindet. Dringt man da als Bildungspolitiker wie Sie noch mit seinen Themen durch?

Mit bildungspolitischen Themen ist es derzeit tatsächlich schwieriger durchzukommen. Mit der Abschaffung der Zweitstudiumsgebühr haben wir ein wichtiges Thema. Es ist uns endlich gelungen, Bildung von der Kita bis zum Studium komplett gebührenfrei zu machen. Das ist ein wichtiger Erfolg und ein wichtiger politischer Umstand. Doch damit kommst du im Moment tatsächlich nicht durch. Wobei wir versuchen, es spezifischer zu kommunizieren.

Was heißt das?

Wir kommunizieren es gezielt in die Gruppen hinein, die von der Abschaffung der Zweitstudiumsgebühr direkt betroffen sind. Studierende, Akademiker oder die Bildungsgewerkschaft GEW. Das ist ein wenig schwerer. Aber letztlich erreichen wir sie dann schon.

Sehnsucht nach Stabilität

Obwohl wir uns in einer Ausnahmesituation befinden, bleiben die Umfragewerte stabil. Erstaunt Sie das?

Das erstaunt mich nicht. Es spiegelt eine Erfahrung wieder, die wir in Rheinland-Pfalz schon öfters gemacht haben. Umso näher die Wahl heranrückt, desto mehr geraten landespolitische Themen in den Fokus, desto weniger spielen bundespolitische Themen eine Rolle. Und dann zeigt sich, dass die Landesregierung ein hohes Vertrauen genießt.

Nun sind die Umfragen ja nicht nur in Rheinland-Pfalz stabil, wo es gut für die SPD läuft. Stabil sind sie auch in anderen Ländern oder im Bund, wo es für die SPD schlechter läuft. Es gilt: Wer vor Corona stark war, ist es immer noch. Überrascht es nicht, dass eine Ausnahmesituation die politischen Konstellationen nicht verändert?

Das lässt sich relativ gut erklären. Wir leben in Zeiten, in denen sich für alle Menschen unglaublich viel grundlegend ändert. In einer solchen Zeit willst du nicht die Pferde wechseln. Die Menschen sehnen sich angesichts so vieler Veränderungen, die auch mit vielen Ängsten verbunden sind, nach Stabilität.

SPD will Mainzer Innenstadt verteidigen

Könnte Ihnen dieser Wunsch nach Stabilität persönlich helfen? Sie sind der Wahlkreisabgeordnete in der Mainzer Innenstadt. Die Grünen greifen diesen Wahlkreis nun an, verweisen darauf, dass sie in den vier Stadtteilen, die dazu gehören, die Ortsvorsteher stellen. Ist der Wahlkreis da noch zu halten?

Ja, der Wahlkreis kann wieder für die SPD gewonnen werden und das will ich auch. Die Wähler verhalten sich von Wahl zu Wahl anders. Da sind über einen längeren Zeitraum gewisse Muster zu beobachten: Bei Kommunalwahlen sind die Grünen eher stark, bei Landtagswahlen ist ihr Zuspruch eher schwach. Vor fünf Jahren haben die Grünen in Mainz bei der Landtagswahl noch eine Erststimmenkampagne versucht und waren damit nicht erfolgreich. Außerdem denke ich, dass ich die letzten fünf Jahre ganz ordentlich für den Wahlkreis gearbeitet habe.

Also sind Sie nicht nervös?

Doch. Aber das bin ich vor jeder Wahl – egal, ob ich kandidiere oder nicht. Und vor fünf Jahren ist es uns gelungen, den Wahlkreis mit über 40 Prozent zu halten. Ich halte das angesichts der Konstellation wieder für möglich. Zumal es für mich um hopp oder topp geht. Ich bin ja nicht über die Landesliste abgesichert. Wobei es bei den Themen im Wahlkreis auch hilft, dass die Grünen in Mainz mit in der Verantwortung sind. Da sehen die Leute dann auch die Lücke zwischen der reinen Lehre und was wirklich passiert. Und dass es einen sozialdemokratischen Ansatz gibt, sie besser zu gestalten.

Viel Beton in Mainz

Zum Beispiel?

In der Mainzer Innenstadt sind viele Plätze mit sehr viel Beton und sehr wenig Grün gestaltet worden. Das Argument lautet: Das Grünamt kann aus Kostengründen nicht so viele Grünflächen pflegen. Auch fehlt es an Personal, um Bäume zu schützen oder wenn sie gefällt werden müssen, wieder neu zu pflanzen. Die Folgen sind schlimm: Im Sommer heizt sich die Innenstadt durch fehlendes Grün umso mehr auf.

Wo ist der sozialdemokratische Ansatz?

Wenn wir die Stadt versiegeln müssen, weil es an Geld für Personal im Grünamt fehlt, dann müssen wir die Finanzen so ordnen, dass dieses Geld bereitgestellt wird. Das ist auch eine Frage von Wirtschafts- und Finanzpolitik. Da unterscheidet sich die SPD von anderen. Wir sind immer noch eine Volkspartei. Wir denken diese Themenfelder mit und stellen nicht einseitig Forderungen in einem Bereich auf, die in der Realität dann an fehlendem Geld scheitern. Das gilt auch für die Verkehrspolitik.

Inwiefern?

Wir sind als SPD für den Umstieg auf den öffentlichen Nahverkehr. Viele Gründe sprechen dafür, den Individualverkehr zurückzufahren. Doch dabei muss auch die Perspektive der Pendler mitgedacht werden. Das unterscheidet die SPD von anderen.