Der Präsident der Pflegekammer Rheinland-Pfalz, Markus Mai. Foto: Pflegekammer Rheinland-Pfalz

Das Gesundheitswesen ist in den vergangenen 20 Jahren auf Kostenreduzierung ausgerichtet worden, sagt Markus Mai, Präsident der Pflegekammer Rheinland-Pfalz. Das rächt sich jetzt auf unterschiedliche Weise. Zum Beispiel durch die absurde Situation, dass Krankenhäuser nach und wegen ihrem Engagement in der Corona-Krise pleite gehen könnten.

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Das Gesundheitswesen ist so stark im Blick wie lange nicht mehr. Die entscheidende Frage lautet: Reichen die Ressourcen, um durch die Corona-Pandemie zu kommen? Haben wir zum Beispiel genug Pfleger, Herr Mai?

Grundsätzlich gilt: Wenn es so weiterläuft und wir nicht einen massenhaften Anstieg an Infizierten haben, können wir gut handeln. Die entscheidenden Fragen lauten: Wie viel Intensivkapazität haben wir? Und halten auch in den anderen Bereichen die Kapazitäten. So lange die Kurve an Corona-Fällen moderat verläuft, wird die Personalvorhaltung noch ausreichen. Wenn wir auf absehbare Zeit die beschränkenden Maßnahmen nicht zurückfahren, dann besteht die Chance, dass wir die Krise beziehungsweise deren Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung einigermaßen im Griff haben werden.

An der Stelle werden viele aufstöhnen, weil die Maßnahmen wie die Kontaktsperre einiges von den Menschen abverlangt. Auf was müssen sie sich einstellen? Wie lange dauern die Maßnahmen Ihrer Meinung nach?

Wenn wir nicht die Höhe der Fallzahlen wie in Italien haben wollen, dann müssen die beschränkenden Maßnahmen sicher erst einmal andauern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir sagen: Nach den Osterferien ist alles vorbei. Es sind ja schon viele Veranstaltungen im Mai abgesagt worden, auch im Juni. Meines Erachtens ist das die richtige Strategie. Vor allem müssen wir darauf achten, was das Robert Koch Institut und andere Wissenschaftler darüber sagen, wie sich der Virus verbreitet. Manche hoffen ja, dass die Verbreitung im Sommer bei wärmeren Temperaturen abflacht und wir die Maßnahmen lockern können. Andererseits wissen wir ja noch nicht einmal, ob wir den Höhepunkt schon erreicht haben. Wichtig ist: Wir müssen die Verbreitung im Griff haben. Denn ab einer bestimmten Zahl an gleichzeitig infizierten in Deutschland kommen wir an eine kritische Grenze was die Kapazität an Intensivbehandlungsmöglichkeiten angeht. Von dieser Zahl liegen wir glücklicherweise noch entfernt. Auch schon bei geringeren Infiziertenzahlen gerät die Pflege in den Krankenhäusern unter erheblichen Druck.

Wie ist die Situation der Pflege in den Krankenhäusern? Laut Berichten fehlt es dort ja sogar an Masken, Schutzkleidung oder Desinfektionsmittel für das Personal.

Das ärgert die Leute natürlich und trägt auch zu großer Verunsicherung bei. Und es ist eine sehr egoistische Haltung, die hinter dem Diebstahl von Desinfektionsmittel steht. Ähnlich ist es beim Hamstern. Der Mangel an Schutzausrüstung besorgt alle Beschäftigten. Er führt im Extremfall dazu, dass sich die Beschäftigten nicht selbst und auch andere nicht mehr ausreichend schützen können. Hier ist dringender Handlungsbedarf angezeigt. Die Pflegekräfte in den Krankenhäusern bereiten sich aktuell auf neue Situationen vor. So qualifizieren sie sich für die Intensivversorgung, bereiten sich in Hospitationen auf Intensiveinheiten vor so lange das noch geht und die Anzahl der zu Versorgenden ansteigt.



Das Personal ist nervös

Also die Ruhe vor dem großen Sturm?

Das ist eher ein Stressfaktor als wirkliche Ruhe. Natürlich macht es das Personal nervös, wenn sie hören, dass die Versorgung mit Material immer enger wird. Auf der anderen Seite: Wir haben unser Gesundheitssystem über Jahrzehnte dahin gebracht, wo es jetzt steht: Effizient aufstellen und möglichst viel aus dem System rausholen, hat die Politik mit Einführung der pauschalen Vergütung zum Ziel gemacht. Das ist jetzt die Quittung. Wenn Krankenhäuser gefragt werden, wie eng ihr Liquiditätsgürtel ist, sagen viele, dass sie schon jetzt Probleme haben. Wir müssen über die Politik der Krankenhausschließungen neu nachdenken – denn wir sehen in der Krise: Trägt das Sparen oder trägt es nicht? Brauche ich nationale Reserve an Schutzgütern? Im Zweifel bricht uns genau das jetzt das Genick – die Politik der letzten 20 Jahre.

Das müssen Sie erklären. Trotz der hohen Nachfrage in der Corona-Krise geraten die Krankenhäuser in finanzielle Engpässe? Wie kommt das?

Im Moment bereiten sich die Krankenhäuser auf die große Corona-Welle vor. Um sich vorbereiten zu können, haben die Krankenhäuser ihre Belegung heruntergefahren. Planbare Behandlungen, die momentan medizinisch nicht dringlich sind, wurden verschoben. Doch das Geld für diese elektiven Behandlungen fehlt erst einmal. Zudem finanzieren sich Krankenhäuser durch eine Mischkalkulation. Einige Behandlungen, wie die planbaren Eingriffe, bringen verhältnismäßig orientiert an den jeweils dazu entstehenden Kosten mehr Geld, andere, beispielsweise Notfallbehandlungen verhältnismäßig weniger. Unterm Strich gleicht sich das aus. Fallen aber die lukrativeren Behandlungen weg, fehlt das Geld und die Rechnung geht nicht mehr auf. Und in der Krise ändert sich ja nicht die Kostenstruktur, im Gegenteil, durch zusätzliche Bedarfe an teurer Schutzausrüstung werden die Kosten weiter steigen. Zudem sind viele Krankenhäuser schon jetzt erheblich verschuldet. Wenn ihre Bank sagt, das können wir nicht mehr mittragen, gehen sie in die Insolvenz – wie jedes andere Unternehmen auch. Die Politik muss dafür sorgen, dass das nicht passiert.

Wie steht es um die Pflegekräfte in Heimen? Die Krise macht deren ohnehin schon schwere Arbeit ja auch nicht einfacher.

Die personellen Besetzungen in den Pflegeheimen war ja auch schon vor der Krise deutlich unter dem, was benötigt wird, um eine einigermaßen gute und umfassende Versorgung der Bewohner zu gewährleisten. Die Arbeitsbelastungen sind extrem hoch, was sehr ungerecht ist. Und in der Tat bekommen wir diese Rückmeldungen jetzt vermehrt von unseren Mitgliedern. Viele machen sich große Sorgen, wie sie den sozialen Kontakt zu den Angehörigen gewährleisten können. Auf der einen Seite verstehen sie die Maßnahmen der Kontaktbegrenzung zur Vermeidung von weiteren Infektionsrisiken. Auf der anderen Seite müssen sie die Auswirkungen bei den Bewohnern durch die Kontakteinschränkungen kompensieren. Das erhöht natürlich die individuelle Belastung für die Mitarbeiter. Angehörige haben ab und an auch unterstützt. Das fällt natürlich durch die Beschränkungen jetzt auch weg. Wenn sie dann einen Corona-Fall beziehungsweise einen Verdacht bei einem Bewohner haben, müssen sie im Extremfall bei nicht einsichtsfähigen Bewohnern freiheitsentziehende Maßnahmen einleiten, damit nicht andere auch noch angesteckt werden. Das bedeutet natürlich weiteren Stress und eine erhöhte Arbeitslast.

Gibt es für sie Schutzausrüstungen?

Nein. Es ist eine große Sorge der Pflegekräfte, „an der Front ohne Patronen zu stehen“ – also ohne eigene Schutzausrüstung. Dann ist die Branche schnell selbst durchseucht und viele werden ausfallen. Die fehlenden Masken, Schutzkleidungen und ähnliches erhöhen auch das Risiko für die Patienten. Keime werden übertragen, etwa in der Wundversorgung. Das hat dann zur Konsequenz, dass Patienten daran versterben können. Das ist ein schlimmes Szenario. Wir arbeiten als Landespflegekammer kontinuierlich dagegen an – haben eine Task Force gegründet und sind mit den Behörden im permanenten Austausch. Wenn etwas da ist, wird es gut verteilt werden – nur: Wenn nichts da ist, kann es auch nicht verteilt werden, eine absolut unbefriedigende Situation.



Ausreichend Schutzkleidung fehlt

Woran fehlt es am dringendsten?

Persönliche Schutzausrüstung: Masken, Hauben oder Schutzkleidung. Für die Krankenhäuser ist vielleicht noch ein kleiner Puffer da. Aber in den Altenheimen und in der ambulanten Pflege ist die Situation ganz besonders dramatisch. Man ist in den Planungen vor der Krise nicht von so hohen Bedarfslagen ausgegangen. Daher sind die Vorräte überschaubar beziehungsweise bereits aufgebraucht. Was man jetzt sieht: Wir müssen eine nationale Reserve anlegen. Wobei wir momentan noch froh sein können, dass die Situation bei uns nicht wie in Italien ist.

Wieso?

Wir haben nicht so große Virenherde wie in Italien etwa die Lombardei (Mailand). Dort ist die regionale Reserve schon zusammen gebrochen. Wobei ich nicht verstehen kann, dass wenn man so einen großen Hotspot hat, die Patienten nicht auf weniger belastete Regionen verteilt werden. Das würde bei uns sicher geschehen müssen. So nehmen wir Patienten aus dem französischen Grand Est auf, weil dort die Einrichtungen auch schon deutlich über ihre Grenze kommen und die Versorgungslage schon katastrophal ist.

Privatleute und Unternehmer spenden Schutzkleidung, stricken Schutzmasken. Hilft das oder bleibt das nur eine nette Geste?

Das ist mehr als eine nette Geste. Das ist eine Teilnahme in einer Katastrophensituation, die uns echt hilft. Selbstgefertigte Schutzmasken sind in ihrer Wirkung in der professionellen Anwendung sicher beschränkt. Wichtig ist das Signal, dass die Gesellschaft zusammensteht. Ich hoffe, dass das nach der Krise anhält, damit wir uns dann auch die Frage stellen: Wie können wir das nutzen, wie halten wir das fest?

Kann die ambulante Pflege in der Krise aufrecht erhalten werden?

Dort gibt es ähnliche Probleme. Das Robert Koch Institut hat die Quarantäne-Vorschriften für Menschen in pflegenden Berufen herabgesetzt. Das halten wir auch für sinnvoll. Was wir aber erleben: Die Pflegenden werden nicht mit Priorität zur rechten Zeit getestet, wenn sie mit einem nachweislichen Corona-Patienten in Kontakt geraten sind. Werden die Pfleger nicht rechtzeitig getestet, verlängert sich die Quarantänezeit unnötig – mitunter ohne sich selbst infiziert zu haben. Aber dann fehlen dringend benötigte Kräfte. Und wenn die ambulante Pflege zusammenbricht, dann strömen die nicht mehr ausreichend versorgten Menschen als Notfälle in die Krankenhäuser. Das ist ein Risikopotential, das wir noch nicht ausreichend bedenken.

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