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Das Erste zeigt an diesem Montag die Dokumentation „Ich bin Greta“. Die Arbeit über die schwedische Klima-Aktivistin setzt auf Emotionen und Stilisierung der Hauptfigur statt auf Fakten – und zeigt damit ein Paradebeispiel für Haltungsjournalismus. Der Film läuft dann auch erst ab 23.20 Uhr.


In Filmen und Serien, in denen es wichtig für die Story ist, dass die weibliche Hauptfigur äußerlich attraktiv ist, greifen die Macher zu einem einfachen Trick: Sie stellen ihr eine weibliche Nebenfigur zur Seite, die auf hässlich getrimmt wird. Neben ihr sieht die Hauptfigur dann automatisch besser aus.

Äußere Attraktivität ist bei einer Weltretterin wie Greta Thunberg unwichtig. Da geht es um Intelligenz, Gewissen und Entschlossenheit. Doch auch in der Inszenierung des Regisseurs Nathan Grossmann gibt es die Nebenfigur, deren Aufgabe es ist, die Hauptfigur nach den vorgegebenen Werten besser aussehen zu lassen: Es ist Gretas Vater Svante.

Greta sitzt alleine und schreibt an einer Rede. Svante schaut drüber. Ob die Wortwahl nicht zu hart sei, fragt er. Nein. Es müsse so hart sein. Schließlich gehe es um die Frage, ob der Weltuntergang gestoppt werde. Passiere das nicht in diesem Jahr, sagt Greta später in der Doku, sei es zu spät – die Szene hat sich vor zwei Jahren abgespielt.

Greta, die mit Tieren spricht

Immerhin ist Svante Gretas Vater. Wenn er aus dramaturgischen Gründen schon nicht so intelligent, gewissenhaft und entschlossen wie seine Tochter sein kann, dann muss er wenigstens sympathisch sein. Und so wird er dann ab und an von ihr zurechtgestutzt – unterstützt sie aber am Ende wenigstens.

Anders als die anderen Erwachsenen. Sie wirken ausgewählt doof. Klimawandel gebe es gar nicht, für Kanada oder Russland sei Erderwärmung ja gut, Schulschwänzen sei keine Lösung oder anderes Doofes sagen sie. Damit ist Grossmanns Moral bereits von Anfang an gesetzt: Es gibt nur Weltrettung und Leugnung. Dazwischen hat nichts Platz.

Die Weltrettung ist Greta, Greta ist die Weltrettung. Sie verkündet folglich Wahrheiten. Und wer als Kind schon so groß ist, der kann gar nicht genug stilisiert werden. Grossmann versucht es trotzdem: Greta, die mit Tieren spricht. Die einsame Heldin, die zu Tieren flüchtet, weil die Welt sie verstößt. Oder die Kämpferin, die den Kampf über alles stellt – sogar übers Essen. Neben ihren Fans kommen in „Ich bin Greta“ auch Mythologen auf ihre Kosten.

Kamera von Anfang an dabei

„Der schwedische Regisseur Nathan Grossmann begleitet die Schülerin vom ersten Tag ihres Streiks an mit seiner Kamera“, heißt es in dem Pressetext des Ersten. Anfangs sitzt sie alleine vor dem schwedischen Parlament und demonstriert mit ihrem Schild. Die Leute gehen kopfschüttelnd vorbei.

Dann kommt eine junge Frau vorbei und bleibt mit Greta sitzen. Es werden mehr. Schließlich gibt es weltweit Proteste. In diesem magischen Moment, als die erste junge Frau sitzen bleibt, hat Grossmann seine Kamera laufen und produziert Hochglanz-Bilder. Was für ein historisches Glück.

Während Greta und Svante im Auto fahren, ruft ein Vertreter des UN-Klimasekretariats an. Er lädt sie zur Klimakonferenz in Kattowitz ein. Schon bei der Voranfrage spricht er druckreif: „Wir brauchen jemanden, der für die junge Generation spricht“. Jemand, der eine Botschaft setze. Und unglaublich: Auch in diesem Moment läuft Grossmanns Kamera.



Offene Fragen

Wie lange musste Greta Thunberg vor dem schwedischen Parlament sitzen, bis sie bemerkt wurde? Also außer von Grossmann, der ja laut ARD vom ersten Tag an dabei war. Die Frage wird nicht beantwortet. Fragen stören nur die Botschaft.

Vieles, was interessant wäre und Zusammenhänge rund um Greta Thunberg erklären könnte, bleibt so offen. Zum Beispiel: Wie ist Grossmann auf Greta aufmerksam geworden?  Kam er zufällig vorbei? War das Kamerateam auch von Anfang an dabei? Wer war sein Auftraggeber oder hat er riskiert, unbezahlt zu arbeiten? Wovon hat Gretas Vater gelebt, während er seine Tochter durch die Welt begleitet hat? Wer hat für Gretas Segeltour nach New York bezahlt?

Doch nichts, was Greta in Frage stellen oder Hintergründe erklären könnte, hat in Grossmanns Heldenverehrung Platz. Die knapp 90 Minuten sind dem Pathos vorbehalten. Und immerhin: Hoch professionellen, kinoreifen Bildern.

Arktis statt Greta

Noch im vergangenen Jahr war Greta Thunberg der Medienstar schlechthin. Da erstaunt es denn doch, dass die „Dokumentation“ über sie frühestens um 23.20 Uhr beginnt – vorausgesetzt es gibt keinen Corona-Brennpunkt.

Die Dokumentation sei ja schließlich im Netz rund um die Uhr zu sehen, argumentiert das Erste als Antwort auf Zuschauer-Beschwerden. In diesem Netz gibt es aber auch die Dokumentation „Expedition Arktis“, die den Sendeplatz um 20.15 Uhr erhalten hat.

Am Ende könnte es aber auch in der ARD Verantwortliche geben, die in der Hauptsendezeit lieber auf Journalismus statt auf Klimakitsch setzen wollen.


Vorgesehene Sendezeit für „Ich bin Greta“ ist 23.20 Uhr an diesem Montag im Ersten.

Grossmann wird in manchen Medien, unter anderem auf der englischen Wikipedia-Seite Grossman geschrieben.