Symbolfoto: Pixabay Conselling

Saarbrücken. „Unbeschwerte Kindheit“. Ein Begriff, der aus der Vergangenheit winkt. Jeder Fünfte zwischen 10 und 17 Jahren leidet an einer psychischen Erkrankung, hat die DAK-Gesundheit mitgeteilt. Bei 1,7 Prozent wird eine Depression diagnostiziert.

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Schon zum Frühstück sind 50 Textnachrichten aufgelaufen. Bei manchen 100 oder sogar 200 Nachrichten. WhatsApp macht’s möglich. Andere Dienste für Kurznachrichten auch. „Ignorier es doch einfach!“, ist ein Ratschlag aus der Welt der Erwachsenen. Sie haben gelernt, dass man nicht immer dazu gehören muss, nicht immer auf dem neuesten Stand der Debatte sein muss. Das ist in der Welt der Jugendlichen anders. Da nimmt die gesellschaftliche Teilhabe eine ganz andere Bedeutung ein. Also wächst der Druck, mithalten zu müssen.

So beschreiben es die Autoren Sarah Diefenbach und Daniel Ullrich in ihrem Buch „Digitale Depression“. Die Welt des Internetzeitalters stelle Jugendliche vor andere Herausforderungen, als andere Zeiten, in denen – manch einer wird es unbedingt loswerden wollen – Kinder auch nicht einfach hatten.

Entsprechend berichten die Krankenkassen immer häufiger von zunehmenden Zahlen bei psychischen Erkrankungen junger Menschen. Genau wie nun die DAK-Gesundheit, die nun einen Gesundheitsreport zum Thema veröffentlicht hat. Nach diesem leiden 1,7 Prozent aller Jungend und Mädchen zwischen 10 und 17 Jahren an einer diagnostizierten Depression, 2,2 Prozent unter Angststörungen und insgesamt 22 Prozent haben eine psychologische Erkrankung.

2300 Schüler psychisch schwer krank

In totalen Zahlen hört sich das dramatischer an: Allein im Saarland leiden demnach 2300 Schulkinder an Depressionen und Angststörungen. Und anders als ein Schnupfen oder ein Beinbruch werden psychische Krankheiten nicht als Krankheiten anerkannt, wird nicht einmal darüber geredet: „Wir wollen das Tabu brechen, das psychische Erkrankungen noch immer umgibt“, sagt daher Andreas Storm, Vorstandsvorsitzender der DAK-Gesundheit. Denn: „Diese Kinder leiden oft leise, bevor sie eine passende Diagnose bekommen. Wir müssen alle aufmerksamer werden – ob in der Familie, in der Schule oder im Sportverein.“

Für die Weltgesundheitsorganisation WHO sind Depressionen und Angststörungen die schwerwiegendsten Leiden in der Gruppe der psychischen Erkrankungen. Bei schweren depressiven Episoden hätten die jungen Patienten Schwierigkeiten, ihren Alltag zu leben. Stattdessen zögen sie sich zurück, schafften es teilweise nicht einmal mehr, die Schule zu besuchen.  

Im Saarland werden häufiger in den Städten als auf den Dörfern bei jungen Menschen psychische Krankheiten festgestellt. Das könne an den Lebensumständen liegen, teilt die DAK mit. Es könne aber auch einfach damit zusammenhängen, dass in den Städten leichter ein Facharzt zu erreichen ist und entsprechend eher eine Diagnose ausgestellt werde. Das wiederum würde bedeuten, dass das Problem auf dem Land tatsächlich noch größer wäre, als es jetzt statistisch erhoben werden kann.

„Mit dem Kinder- und Jugendreport 2019 haben wir für das Saarland auch belastbare Analysen zur Versorgungssituation von Kindern mit psychischen Auffälligkeiten“, erklärt Julian Witte von der Universität Bielefeld, der für die DAK die Studie durchgeführt hat. Der Report habe auch strukturelle Schwächen aufgezeigt: Nach der Entlassung fehle im Saarland oft eine passende ambulante Nachsorge. In der Folge ist jedes vierte dieser Kinder zwischen zehn und 17 Jahren innerhalb von zwei Jahren mehrfach stationär in Behandlung: „Wir haben offenkundige Versorgungslücken nach der Krankenhausentlassung, die wir dringend schließen müssen“, betont Andreas Storm. „Eine Rehospitalisierungsquote von 24 Prozent ist alarmierend.“