Dons schlechte Zeiten. Foto: Fantelgarten

In dieser Serie kommt das andere Ende der Leine zu Wort: Der Don. Diese Woche habe ich Geburtstag. Dann ist es sieben Jahre her, dass ich aus dieser Station in Bijeljina rausgeholt wurde. Zwar dramatisiere ich nicht gerne: Aber da bin ich dem Tod nochmal von der Schippe gesprungen.

Nee. Schön war’s nicht. In der Station in Bijeljina: Ich saß eingesperrt auf weniger als zwei Quadratmetern, umgeben links, rechts und oben von Gittern. Eine ausgediente Automatte war das einzige, auf das ich mich legen konnte. Die Rationen waren schmaler als selbst die beim Dicken. Und nicht mal zum Nötigsten durfte ich da raus.

Ich bin ein reinlicher Hund. Nur ungerne laufe ich durch Matsch. Weil ich den Käfig sauber halten wollte, habe ich mich zum Nötigsten mit den Hintern an das Gitter gestellt. Ihr könnt Euch denken, warum. Eine Zeitlang habe ich das sogar in Deutschland noch gemacht.

Schön war das nicht. Also war ich einigermaßen froh, als ich da raus gekommen bin. Auch wenn die Zeit danach noch anstrengend war: Impfen, Chippen, der lange Flug nach Deutschland. Und dann habe ich einige Monate in vielen unterschiedlichen Wohnungen gelebt. Was sich besser anhört, als es ist.

Ich bin ein häuslicher Hund

Dabei bin ich ein häuslicher Hund. Zwar gehe ich gerne raus. Gerne auch über mehrere Stunden. Aber zuhause ist doch schön. Von meiner Zeit in Bosnien will ich nicht erzählen, aber Wohnungen waren mir auch dort schon vertraut. Als Tilo und der Dicke mir mein Körbchen brachten, bin ich schon im Flur reingesprungen.

Als ich vier Wochen beim Dicken war, haben wir übers Wochenende seine Eltern besucht. Ich dachte, ehrlich gesagt, dass ich umziehen muss. Schon wieder. Ich war angepisst. Zumal ich dann auch noch Stress mit dem Kater bekommen habe. Als wir dann wieder zuhause waren, habe ich mich doch sehr gefreut: Das Körbchen war noch da, die Couch und auch der Napf – wenn auch leer, der Dicke kann nachlässig sein.

In meinem Koordinatensystem ist mein Körbchen mein Punkt null. Hier beginnt alles. Wenn mir etwas wichtig ist, dann verstecke ich es dort. Die Wohnung teile ich mir mit dem Dicken. Das Körbchen ist mein Territorium. Da hat er nichts zu suchen.

Ich hab überlebt, weil ich optimistisch war

Es werden im März auch sieben Jahre sein, dass es meins ist. Es war eine gute Zeit. Dabei beschwere ich mich nur halb so viel über den Dicken, wie ich Anlass dazu hätte. Aber es ist warm, trocken, es gibt genug zu Essen und auf den Dicken ist Verlass. Auf seine Weise.

Ich habe in Bijeljina nicht über den Tod nachgedacht. Ich bin ein optimistischer Hund. Daher weine ich auch nicht, wenn der Dicke geht. Denn ich vertraue darauf, dass er wiederkommt. Ich blicke positiv in die Zukunft. Selbst nach zwei Näpfen am Tag hoffe ich immer noch, dass vielleicht sogar ein dritter drin ist.

Deswegen habe ich überlebt. Weil ich optimistisch war. Das Leben ist das wertvollste Geschenk. Das kann ich sagen, als jemand, der dem Tod schon mal von der Schippe gesprungen ist. Ich genieße jeden Tag: Wenn ich auf dem Feld bin oder im Park, dann denke ich, wir werden bald wieder kommen. Warum sollte das je anders werden? Und wenn, dann beschäftigen wir uns dann damit. Das ist noch früh genug.

Wenn ich Geburtstag habe, wird der Dicke mir wieder einen fetten Knochen schenken. Wie originell. Er könnte sich genauso gut mal etwas komplett anderes ausdenken. Ich hoffe, dass das nie passieren wird.

Der Dicke und ich, ich im Vordergrund. Selfie: Der Don

Hier finden Sie andere Texte aus der Serie.