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100 Jahre. Tja: Respekt, Saarland. Und natürlich erstmal Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Fast die Hälfte Deines Weges bin ich mit Dir gegangen. Also bin ich heute auch etwas in Feierlaune.

Für ein StückTorte, eine Tasse Kaffee und vielleicht ein Glas Sekt sollte es reichen. Klar, die Kassen sind leer. Aber das waren sie schon immer. Und genau so immer ist es dann trotzdem irgendwie gegangen. Das „Reich“ wollte uns. Gleich zwei mal. Also sollen sie auch bezahlen.

Schließlich wollten sie zwei mal unser Bestes: Unsere Kohle. Steinkohle, um genau zu sein. Was, ich soll das nicht so laut raus prusten? Kohle sei heute, pfuideibel Umweltsau und da wolle man nichts mehr mit zu tun haben, sagst Du? Zumindest heiße es so in den Schulen, die einst von ihren Erträgen finanziert wurden?

Nun, ja. Heute ist Dein Geburtstag. Da guckt man halt mal zurück. Und ohne Kohle und Stahl hätte es Dich nie gegeben. Einzig wegen denen haben die Alliierten den Zugriff auf Dich gewollt. Außerdem hast Du Deine Kinder davon immer gut satt bekommen.

Betteln ist wie Sucht

Als das mit der Kohle weniger wurde, musstest Du anfangen zu betteln. Das hat so etwas von Sucht: Fängt man erstmal damit an, gewöhnt man sich schnell an die Dosis und muss sie dann steigern. Heute schaffst Du es kaum noch zu einer ernst gemeinten politischen Forderung, ohne dazu sagen zu müssen, dass die Kohle dafür vom Bund kommen müsse.

Deine Selbstständigkeit willst Du trotzdem nicht aufgeben. Wehe dem, der das fordert. Höchstens langsam und heimlich trennst Du Dich von der Eigenständigkeit. So wie der Saarländische Rundfunk, der Volksmusikkonzerte aus Koblenz oder Reportagen aus dem Schwarzwald als Lokalschiene verkauft – weil für all zu viele Eigenproduktionen halt das Geld fehlt. Immer wieder geht es um die Kohle.

Foto: Mario Thurnes

Deshalb wurde nur wenig gefeiert, als Du zur Welt kamst. Denn wenn man mal ehrlich ist: Am Anfang wollt Dich kaum einer. Zumindest kaum einer Deiner Landeskinder. Die haben sich zwei mal klar fürs „Reich“ entschieden, als sie gefragt wurden. Viel später. Der Legende nach soll sich Konrad Adenauer beim zweiten mal gar nicht drüber gefreut haben. „Alls Ärger“, soll er sich gedacht haben.

Die Kriege, aus denen Du geboren wurdest, haben Dir übel mitgespielt. Deine Einwohner wurden evakuiert und starben – wie so unzählig viele andere auch – an der Front oder als Opfer der Staatsverbrechen jener Zeit. Zwei mal hast Du Trümmer wegräumen müssen. Die Krater gibt es teilweise heute noch.

Du hast den Kopf oben gehalten

Doch Du hast den Kopf oben gehalten. Warst bockig. Etwa als Dein Fußball in den französischen integriert werden sollte. Da holte der 1.FC Saarbrücken gleich im ersten Jahr Meisterschaft und Aufstieg in der zweiten Liga. Und weil sich die Franzosen kaum fünf Jahre nach dem Krieg keinen deutschsprachigen Französischen Meister vorstellen wollten, haben sie dann die Saarlandliga eingeführt. Ich mag diese Art von Humor.

Trotzig kannst Du sein. Und unterwürfig. Erstaunlicherweise oft genug beides zusammen. Kulturell bist Du auf ulkig festgelegt: Maggi, Lyoner, Schwenker, Karlsberg, Baguette und „Nix geschafft han mir schnell“ gelten als die handelsüblichen Klischees.

Sie hätten Dich mal früher kennenlernen sollen. Als es die dunklen Kneipen der Berschleit noch gegeben hat. In denen das Motzen und Fluchen erfunden wurde, lange bevor es Twitter gab. Dein Humor war so, dass man ihn auf einem Familienportal nicht wiedergeben kann.

Mit der Kohle ging der Stolz

Mit der Kohle ist auch viel von Deinem Stolz gegangen. Hart schaffe. Darauf warst Du immer stolz. Bist es noch heute. Wenn es geht. Doch die guten, harten Arbeitsplätze werden immer weniger. Und wer die Zeichen der Zeit lesen kann, weiß dass das noch schlimmer wird. Vermutlich sogar viel schlimmer. Wer Dich klein und niedlich findet, unterschätzt die sozialen Probleme, die Du beheimatest.

Doch nicht heute. Heute wird gefeiert. Vielleicht auch ein Stück Torte gegessen. Wenn wir dafür nochmal das „Reich“ anpumpen müssen? Egal. Das gibt seinen Geld für größeren Mist aus. Ob es den 200. Geburtstag dann noch geben wird.

Ach, weißt Du. Dass es nicht mehr weitergehen wird, ist einer der ältesten Gedanken der Menschheit – und einer der falschesten. Es geht immer weiter. Und wenn Dich wirklich einmal Rheinland-Pfalz schlucken sollte, dann werden die das teuer bezahlen. Denn so ist halt Deine Art von Humor.

Foto: Mario Thurnes