Recherche ist eine wichtige Grundlage für die Bücher von Alois Prinz. Foto: Gabriel-Verlag/ Volker Derlath

Biografien müssen zu einem Riss in dem Image der beschriebenen Personen führen, sagt Alois Prinz im BYC-Interview. Der Leser müsse an dem Beschriebenen etwas finden, das ihm einen subjektiven Zugang ermöglicht. So hat Prinz selber in seinen Werken über höchst unterschiedliche Charaktere wie Jesus, Joseph Goebbels oder Martin Luther King geschrieben. Dabei gelingt es ihm, diese für den Leser heran zu zoomen.


An welchem Projekt arbeiten Sie gerade, Herr Prinz?

Das sage ich nicht. Ich weiß, das ist ein bisschen kindisch. Aber solange ein Werk nicht fertig ist, solange rede ich nicht gern darüber.

Ein Aberglaube?

Das kann man so sagen. Auf jeden Fall ist es irrational.

Schaut man sich Ihr bisheriges Werk an, ist der Output erstaunlich groß. Das ist ungewöhnlich für einen Autoren von Sachbüchern. Wie kommt es?

Vielleicht liegt es daran, dass es keine Sachbücher sind. Es geht in meinen Büchern nicht um Sachen, es geht um Leben. Ich weiß zwar, dass ich so einkategorisiert werde – aber ich höre das nicht gerne. Denn ich bemühe mich um eine literarische Arbeit, versuche die Biografien zu schreiben wie Romane. Natürlich muss ich für sie viel recherchieren. Aber das gibt es bei vielen Romanen auch. Ich bewege mich in einer Grauzone. Denn ich versuche, die Bücher so zu schreiben, dass sie gelesen werden können. Was die Leser zu schätzen wissen. Und die Verlage auch. So kann ich die Projekte, die ich mir aussuche, auch alle umsetzen.

Dabei fällt auf, dass Sie die Biografien miteinander verweben. So tauchen Passagen über Hannah Arendt in der Goebbels-Biografie auf oder Passagen über Paulus in der Biografie über Ulrike Meinhof. Dadurch entsteht in Ihren Werken ein ganzes Erzähluniversum. Ist das ein Effekt, den Sie sich wünschen?

Freilich gibt es diesen Effekt. Bücher entstehen immer aus den vorherigen Büchern. Ich werde oft durch ein Buch über die eine Person auf eine andere Person aufmerksam. Wenn ich dann über diese schreibe, dann sind die Erkenntnisse ja immer noch da. Das fließt dann oft in die neue Arbeit mit ein. Ein Buch verändert einen – zumindest ist das bei mir so. Und wenn sich das dann zu einem Erzähluniversum – wie Sie es nennen – entwickelt, dann ist das eine gute Sache. Denn es ist mehrperspektivisch. Tatsächlich ein Universum. Und es sind spannende Bezüge, die so entstehen.

„Ich wollte jedoch einmal über jemanden schreiben, der als böse gilt“

Sie haben gesagt, dass das eine Thema oft durch das Thema davor entsteht. Nun ist der Schritt von Paulus zu Jesus leicht nachvollziehbar. Von Franz Kafka zu Hannah Arendt auch. Aber wie passt da Joseph Goebbels rein?

Durch Hannah Arendt habe ich mich stark mit dem Thema Totalitarismus beschäftigt und mit ihrer Frage im Eichmann-Prozess, was einen typischen Vertreter des Totalitarismus ausmacht. Da war der Schritt zu Goebbels dann gar nicht mehr so groß. Bei ihm hat mich der Gedanke gereizt, über jemanden zu schreiben, der nicht sympathisch ist. Denn eigentlich ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass es in Biographien um Menschen gehen sollte, die mehr oder weniger sympathisch sind. Ich wollte jedoch einmal über jemanden schreiben, der als böse gilt – der allerdings nicht dumm-fanatisch ist, sondern böse und intelligent.

Wie sind Sie Goebbels als Thema angegangen?

Die Materialgrundlage über ihn ist sehr gut. Im Deutschen Archiv in Koblenz findet sich sein gesamter Nachlass. Das sind Berge von Papier, die es zu sichten gilt. Dafür habe ich zwei Jahre gebraucht.

Wie ist es, jemanden wie Goebbels zwei Jahre im Kopf zu haben?

Danach bin ich oft gefragt worden. Auch von meinen Freunden. Es ist ein bisschen wie bei Thomas Mann, der über „Bruder Hitler“ geschrieben hat. Ich musste mich beim Schreiben in den Kopf dieses Mannes hineinversetzen, um zu verstehen, wie er „tickt“. Andererseits war es gleichwohl wichtig, Abstand zu ihm zu wahren.

Eine schwierige Aufgabe.

Allerdings. Dafür musste ich akzeptieren, dass auch ein Herr Goebbels ein Mensch ist und kein Monster. Und der Garten des Menschlichen ist eben sehr groß und in diesem Garten gibt es Ähnlichkeiten zwischen Menschen, die man üblicherweise nicht zusammenbringt wie zum Beispiel Goebbels und einer sehr linken Person wie Ulrike Meinhof. Da gibt es durchaus Überschneidungen. In der Beschäftigung mit beiden wird deutlich, wie wenig zwangsläufig Lebenswege sind: Hätte die linke Zeitung, bei der sich Goebbels als junger Mann beworben hat, ihn genommen, dann hätte er sich diesem ganzen Nazi-Wahnsinn nicht angeschlossen. Das ist eine ganz wichtige Erkenntnis: Es ist nie zwangsläufig, dass eine Person so wird, wie sie dann tatsächlich geworden ist.

Einen subjektiven Zugang schaffen

Sowohl bei Ihrer Arbeit über Goebbels als auch über Meinhof fällt auf, dass Sie einen großen Schwerpunkt auf die Zeit setzen, bevor beide jeweils öffentlich wirksam wurden. Tun Sie das, um aufzuzeigen, dass die Entwicklungen eben nicht zwangsläufig sind?

Man muss erreichen, dass das Image, das die Person hat, über die sie schreiben, einen Riss bekommt. Dass der Leser in der Person etwas findet, was ihm an sich selbst bekannt vorkommt. Natürlich müssen sie als Autor objektiv bei den Fakten bleiben. Aber nur, wenn sie diesen subjektiven Zugang schaffen, macht das Werk auch Sinn und schafft Erkenntnis.

Dieses Zerbrechen des Images dürfte gerade bei Ulrike Meinhof nicht einfach gewesen sein. Über sie wurde sehr viel geschrieben, was ihr Image verfestigt hat. Natürlich allem voran Stefan Aust mit dem „Baader-Meinhof-Komplex“, der als Sachbuch eine unglaublich starke Verbreitung gefunden hat.

Das ist ein gutes Beispiel für die Art, wie ich arbeite. Aust hat als Insider geschrieben, der Meinhof gut kannte und auch zwischenzeitlich selber ins Geschehen einbezogen war. Dabei hat er eine unglaublich gute Faktengrundlage geschaffen, bei der ich mich auch als solche bedienen konnte. Aber das hat nichts mit einer Biografie zu tun, wie ich sie verstehe.

An welcher Stelle setzt das Besondere der Biografie ein?

Man hat als Biograf beim Schreiben ein ganzes Leben vor sich. Das wird meistens daran festgemacht, wie es ausgegangen ist. Bei Meinhof eben, dass sie als Journalistin angefangen hat und in Stammheim geendet ist oder bei Goebbels das Ende im Führerbunker. Dann projiziert man dieses dieses Ende auf das ganze Leben zurück. Aber das ist falsch. Man kann zwar das Leben vom Ende her sehen, aber verstehen muss man es nach vorne – und sozusagen nach vorne erzählen.

Wie?

Es ist mir beim Schreiben wichtig, die Geschichte der Person so zu erzählen, als ob ich nicht wüsste, wie ihre Geschichte ausgeht. Man muss in ihrer Entwicklung auf Augenhöhe mit der Person bleiben und darf nicht mehr wissen als sie. Nur so kann man sie verstehen. Und es muss deutlich werden, dass es Momente gibt, in denen man sich entscheidet: Denn es gibt immer die Freiheit zur Entscheidung, kein Leben ist zwangsläufig. Die meisten Weichen werden in der Jugend gestellt.

Gute Literatur muss fesseln

Das ist ein philosophischer Ansatz. Sie haben Ihren Doktortitel in Germanistik gebaut, haben aber auch Philosophie studiert. Das ist nun eine Richtung, die es ganz schwer auf dem Büchermarkt hat. Nutzen Sie die Biografien als Gelegenheit, um philosophisches Gedankengut unterzubringen?

Ja. Wenn ich mich mit einem Leben beschäftige, muss ich auch in die Tiefe gehen. Das ist wie bei einem Film: Mal zeige ich eine Person in der mittleren Distanz, mal zoome ich ran. Und das heißt, ich muss mich auch mit der dahinter stehenden Lebensphilosophie beschäftigen. Wobei das Bedürfnis nach solchen Gedanken durchaus sehr groß ist. Nur meistens wird es nicht richtig bedient. Philosophische Bücher sind oft zu akademisch. Seit Sofies Welt wissen wir aber: Auch philosophische Bücher werden stark verkauft, wenn sie entsprechend aufbereitet sind. Das gilt auch für meine Arbeit.

Inwiefern?

Wenn sich die Menschen sicher sind, dass sie es verstehen, dann greifen sie auch zu philosophischen Büchern. Das ist eine Besonderheit meiner Bücher. Die erscheinen oft in Jugendbuchverlagen, werden dann aber textgleich von Suhrkamp übernommen. Nur durch den Titel und die Aufmachung unterscheiden sie sich dann.

Das ist im deutschen Kulturbetrieb gar nicht mal eine so unumstrittene Meinung. Im deutschen Kulturbetrieb gibt es nicht wenige, die nur als Kunst anerkennen, was keiner versteht und für das sich keiner interessiert. Sie sehen das vermutlich nicht so?

Nein, diese Position teile ich überhaupt nicht. Wenn ich ein Buch lese – und ich lese ziemlich viel – dann muss mich das Buch fesseln, es muss eine Art von Spannung da sein. Literatur besteht aus der Anwendung von verschiedenen Darstellungsweisen, mit denen es ein Autor schafft, die Leser zu packen. Das ist eine schwierige und anspruchsvolle Aufgabe. Das haben die angelsächsischen Autoren oft besser verstanden als die deutschen. Die Position: Wenn es unterhält, ist es keine Kunst, ist totaler Käse. Das kommt von Autoren, die nur vermeintlichen Tiefsinn zu bieten haben und vergessen, dass solche Gedanken immer mit einem Leben verbunden sein müssen. Das merke ich oft bei Veranstaltungen an Schulen, wenn es darum geht, den jungen Leuten zu vermitteln, dass es um sie geht.

Wie gelingt das?

Ich greife bestimmte Aspekte raus, die Schülerinnen und Schüler in ihrem Leben auch finden können. Bei Hannah Arendt ist das zum Beispiel die Tatsache, dass sie als Schülerin sehr aufmüpfig war und von der Schule geschmissen wurde. Oder dass sie gezwungen war, von Kontinent zu Kontinent zu hoppen, um vor Adolf Hitler zu fliehen. So verstehen die Schüler, dass da nicht nur eine Person ist, die einmal eine berühmte Philosophin werden sollte – sondern ein Mensch, der sich mit Fragen herumgeschlagen hat, die sie sich so ähnlich selber stellen.


Von Alois Prinz sind im Gabriel-Verlag erschienen und erhältlich:

„I have a dream – Das Leben des Martin Luther King“, „Bonhoeffer – Wege zur Freiheit“ und „Jesus von Nazaret“.

Weitere Werke sind in anderen Verlagen beschrieben und erhältlich.