Ist in den Köpfen vieler: der amerikanische Präsident Donald Trump. Grafik: Pixabay The digital Artist.

Die größte Niederlage der westlichen Linken jährt sich in dieser Nacht zum dritten mal: die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Seitdem ist der Immobilien-Unternehmer und Showstar der Stachel im Fleisch der Linken.

Für Freunde von Spartensendern begann die Wahlnacht montags gegen 21 Uhr: auf Comedy Central. Dort lief die Wiederholung des „Roasts“. Einem Format, in dem Promis auf einem heißen Stuhl Platz nehmen und von anderen Promis in Spottreden hart durch den Kakao gezogen werden.

In dieser Folge saß Trump auf dem heißen Stuhl. Schon lange vor seiner Kandidatur war er in den USA ein Showstar. Etwa durch sein erfolgreiches Format „The Apprentice“, in dem er angehende Startuper coachte. Vor und nach ihm nahmen Stars wie Charlie Sheen oder Roseanne Barr am Roast teil. Es ist also eher ein Format für Skandalnudeln. Und als solche galt Trump in den USA schon lange, bevor seine Kandidatur begann.

Für Otto Normalzuschauer begann die Wahlnacht gegen 23 Uhr in der ARD. Dort saß eine fröhliche Runde zusammen, die mit Sekt auf das Kommende anstieß. Das war für sie die Wahl von Hillary Clinton. Und so sehr sie sich dieser sicher waren, so wenig machten die Teilnehmer der Runde einen Hehl daraus, dass sie sich auch eben diese wünschten.

Befürworter von Donald Trump kamen nur in Einspielfilmen zu Wort: Bibelfanatiker auf dem möglichst abgelegenen Land. Es war das Klischee, das ein gewisser Claas Relotius später suchen sollte. Und als er es trotz wochenlanger Recherche nicht fand, erfand er es halt für den Spiegel. Auch wenn sich das Magazin später von seinem gefallenen Streiter abwendete, so erfüllte Relotius doch dessen Maxime: Ein Anhänger Trumps muss ein Trottel sein und kann daher nur als solcher dargestellt werden.

Druck auf Trump wächst seit drei Jahren

Spätestens seit Trump gewählt wurde, feuern deutsche Medien aus allen Rohren gegen ihn. Metaphorisch wächst seit drei Jahren der Druck auf ihn, steht das Impeachment kurz bevor. Und als das zu abgedroschen wurde, zog sich auch mal das Netz um ihn zu oder wurde die Luft dünner.

Anlässe gab es genug. Ernsthafte wie den Vorwurf der Unregelmäßigkeiten im Wahlkampf. Aber auch an den Haaren herbeigezogene wie Aussagen von C-Promis, die mit Trump-Bashing ihren neuen Film bewarben. Ein Stück Klopapier, das an dem Schuh des Präsidenten klebte, bekam von deutschen Medien mehr Aufmerksamkeit als etwa die sozialen Unruhen in Chile.

Seit drei Jahren sind deutsche Medien voll mit Leitartikeln, warum Trump eine Katastrophe ist. Doch für die Autoren selber entwickeln sich diese Beiträge allmählich zur persönlichen Katastrophe. Denn der Einfluss von amerikanischen Medien wie der Washington Post auf Wahlen in den USA ist begrenzt. Der Einfluss deutscher Medien auf Wahlen in den USA lässt sich mit einer Ziffer darstellen: 0.

Nun wird die deutsche Medienlandschaft von Haltungsjournalisten beherrscht. Menschen, die unabhängig von Marktanalysen beschlossen haben, es sei die wichtigere Aufgabe, andere Menschen zu führen, statt sie mit neutralen Informationen zu versorgen. Journalisten mit Sendungsbewusstsein also.

Sendungsbewusste werden nicht gehört

Wer ein solches Sendungsbewusstsein hat, für den ist die schlimmste Strafe, nicht beachtet zu werden. Und so schreiben und senden deutsche Haltungsjournalisten seit drei Jahren gegen Trump an – letztlich ins Leere. Selbst jetzt, da tatsächlich ein Impeachment eingeleitet wurde, sitzt der amerikanische Präsident fest im Sattel. Angesichts der demokratischen Gespaltenheit ist sogar eine Wiederwahl durchaus möglich.

Die Schwächen der demokratischen Partei. Ohne sie lässt sich die Präsidentschaft Trumps ohnehin nicht verstehen. Denn natürlich hat dieser Mann mehr peinliche Aussagen und Auftritte geliefert, als es für die Würde des Amtes erträglich ist. Aber umso übler Trump beschimpft wird, umso niedriger er wertgeschätzt wird, umso mehr stellt sich die Kernfrage: Wenn der Mann so schlimm ist, wie konnten die Demokraten nur gegen ihn verlieren?

In den USA haben Medien diese Frage durchaus aufgegriffen. In amerikanischen Medien gab es dazu viele Beiträge. Ein großartiges Werk ist das Buch „Shattered“, in dem Post-Journalisten den Wahlkampf Clintons mit all seinen Schwächen und Fehlern darstellten. Wer dieses Buch gelesen hat, kann für sich die Frage beantworten, wie die Demokraten gegen einen solchen Mann die Wahl verlieren konnten. Es ist absolut lesenswert und wurde trotzdem bezeichnenderweise nicht ins Deutsche übersetzt.

In deutschen Medien führte und führt die Warum-Frage ein Schattendasein: Anfangs ging es für Haltungsjournalisten um die Frage, warum Trump eigentlich gar nicht wirklich gewählt wurde? Danach um die Frage, wann er endlich aus dem Amt gejagt wird? Beides lief ins Leere. Doch die quälende Frage, wieso eine Skandalnudel Präsident werden kann, ist in der deutschen Debatte immer noch offen.

Thekengeschwätz statt Expertisen

In der Wahlnacht stellte sich die Frage: Warum die Prognosen eindeutig Clinton als Präsidentin kommen gesehen haben, aber Trump gewählt wurde? Weil republikanische Wähler Umfrage-Instituten misstrauen würden und sie absichtlich belügen würden, um deren Ergebnisse zu verfälschen und so ihrer Glaubwürdigkeit zu untergraben… Was als besoffenes Thekengeschwätz durchgehen würde, war die Expertise einer Wissenschaftlerin, die von der ARD als Expertin präsentiert wurde.

Zur journalistischen Ehrenrettung stellte Zahlenmann Jörg Schönenborn die Lage richtig: Die Prognosen hätten eine höhere Wahlbeteiligung unter Schwarzen und Latinos vorgesehen. Aber weil Clinton die nicht mobilisieren konnte, haben ihr deren Stimmen letztlich gefehlt. Eine von den Antworten auf die Frage, warum sie gegen einen solchen Mann wie Trump verlieren konnte.

So schwer ist es also gar nicht, die Antworten zu finden. Sie auszuhalten, ist ungleich schwerer. Zumindest für Haltungsjournalisten. Die politische Agenda, für die Demokraten in den USA werben, ist vergleichbar mit der, für die deutsche Haltungsjournalisten hierzulande einstehen: Quotenpolitik und politische Korrektheit, die bis zu einer Unbrauchbarkeit der Sprache als Verständigungsmittel führt.

Trump ist aus deutscher Sicht trotz seiner politischen Unkorrektheit gewählt worden. In Wirklichkeit ist er wegen ihr gewählt worden. In den USA blüht die PC-Bewegung schon  länger – und treibt seltsamere Blüten. Den politisch unkorrekten Trump haben viele Amerikaner als Befreiungsschlag empfunden. Einer der vielen Gründe, warum ein solcher Mann wie Trump gewinnen konnte.

Letztlich werden Haltungsjournalisten der Frage, warum Trump gewinnen konnte, ausweichen wie beim Völkerball dem Ball. Denn die Antworten würden sie zu etwas zwingen, was ein Mensch mit Sendungsbewusstsein unter keinen Umständen nie nicht tun würde: eigene Fehler einzugestehen.