Sprechen über das Böse: Sven Voss und Lydie Benecke. Foto: ZDF/ Lukas Beckmann

Mord und Totschlag ziehen. Krimis und Reportagen über tatsächlich begangene Verbrechen erzielen beste Einschaltquoten. Dem Trend folgend hat das ZDF eine neue Reihe ins Leben gerufen: „Das Böse im Menschen“ beschäftigt sich mit außergewöhnlichen Kriminalfällen – doch die Mainzer Fernsehmacher müssen sich dazu Fragen stellen lassen.

Frauen schreiben Briefe ins Gefängnis – an verurteilte Mörder. Der Psychopath Hannibal Lecter ist die Hauptfigur eines Hollywood-Blockbusters. Anthony Hopkins erhält für sein eindringliches Spiel eine Oscar-Auszeichnung und die klammheimlichen Sympathien der Zuschauer. Krimis beherrschen Buchmarkt und Fernsehmarkt gleichermaßen.

Vom Bösen geht eine Faszination aus. Davon profitiert auch das ZDF. Eine der ältesten Reihen ist gleichzeitig eine der erfolgreichsten: „Aktenzeichen XY ungelöst…“. Als die Mainzer die Rechte an der Champions League im Fußball verloren, beschloss Intendant Thomas Bellut daher, Aktenzeichen mehr Sendezeit zu geben.

Davon profitierte auch Lydia Benecke. Die Kriminalpsychologin wurde Expertin in den Sonderfolgen, die unter „Aktenzeichen XY gelöst…“ laufen. In diesen bereitet das Team Fälle auf, die erfolgreich abgeschlossen wurden – auch dank Hinweisen aus der Ungelöst-Reihe. Benecke beantwortet als Expertin Fragen von Moderator Rudi Cerne zur Motivation der überführten Täter.

Mehr Frauen im ZDF

Das passt zu anderen Plänen Belluts – nämlich das ZDF weiblicher zu machen. Sprich: Mehr Frauen im Programm vorkomme zu lassen. Benecke hat in den bisher gezeigten drei Folgen bei den Aktenzeichen offensichtlich gewirkt. Dafür sprechen zumindest die Reaktionen, die auf Twitter unter dem Hashtag #aktenzeichenxy zu lesen sind. Auch wenn man chauvinistische Beiträge abzieht, erntet Benecke dort viel Lob.

Was die erste Frage aufwirft: Warum vertraut der Sender Benecke nicht und setzt ihr den blassen Moderatoren-Klon Sven Voss an die Seite? Benecke ist erfahren, hat ihre Bildschirm-Tauglichkeit bereits bewiesen und hätte eine echte Chance verdient gehabt. Gerade vor dem Hintergrund, Frauen im Sender stärken zu wollen.

Mit der Präsenz von Voss ist ein Format-Zwitter entstanden, was die nächste Frage aufwirft: Was will „Das Böse im Menschen“ sein? Angelegt ist es als Talk. Doch für ein echtes Gespräch ist Voss zu sehr Stichwortgeber ohne eigene Ambitionen. Gesprächs-Atmosphäre kommt nicht auf. Stattdessen wirkt die erste Sendung der neuen Reihe wie Betreutes Referieren.

Nur halb mutig

Was vielleicht die dritte Frage beantworten könnte: Warum versteckt das ZDF ein neues Format mitten im von Wiederholungen geprägten Sommer in der Nacht? Montag um 1.10 Uhr. Das Böse schläft vielleicht nie. Aber sicher hätten sich doch auch Menschen für die Sendung interessiert, die am nächsten Tag arbeiten müssen.

Ein bisschen mehr Mut, ein bisschen mehr Etat hätten aus „Das Böse im Menschen“ etwas werden lassen können, das funktioniert: Ein paar Einspielfilme zur Auflockerung und dazwischen die Beiträge einer charismatischen Moderatorin, die über die notwendige fachliche Tiefe verfügt. Doch offensichtlich ist den ZDF-Verantwortlichen auf halber Strecke der Mut ausgegangen – so hat nicht das Böse gesiegt, sondern das Banale.


Die erste Folge von „Das Böse im Menschen“ läuft am Montag, 27. Juli, ab 1.10 Uhr im ZDF. In der Mediathek ist die Sendung einen Tag früher zu sehen. Im Piloten geht es um Gertrude Baniszewski, die eine Pflegetochter gefoltert und getötet hat.