Symbolfoto Atemschutzmasken: Pixabay Geralt

Saarbrücken. Deutschland streitet, ob es eine Pflicht geben soll, Mundschutzmasken zu tragen – so wie in Österreich. Das ist wie eine Debatte darüber, ob das Schnitzel ohne Pommes oder lieber ohne Kartoffeln serviert werden soll. Denn es fehlt schlicht und einfach an Masken, um eine solche Pflicht überhaupt durchführen zu können. Der Januar und Februar wurden nicht genutzt, um Masken anzuschaffen. Im Gegenteil: Material ist tonnenweise nach China verschickt worden. Von dem Versäumnis lenkt die Politik nun mit sprachlichen Eiertänzen ab.

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In Deutschland fehlt es an Schutzausstattung. Das hat die rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler während einer Pressekonferenz offen eingeräumt. Auch und gerade Mundschutzmasken sind ein so kostbares Gut geworden, dass ihre Verteilung vom Ministerium übernommen wurde.

Die Diskussion, ob die Masken zu 100 Prozent schützen, ist etwas für die Fachwelt. Auch Verhütungsmittel bieten keinen vollen Schutz vor ungewollten Schwangerschaften. Trotzdem würde niemand sagen: „Schatz, wenn es eh ein Restrisiko gibt, können wir das Kondom doch auch ganz weglassen.“

In den südostasiatischen Demokratien gehört das Tragen von Schutzmasken stärker zur Kultur als in Europa. Und in Japan, Südkorea oder Taiwan hat sich der Virus deutlich langsamer verbreitet. Im Prinzip ist es einfach: Ja, durch die Maske können Partikel des Rotzes durchkommen und gegebenenfalls andere infizieren. Aber der Rotz, der hängen bleibt, kann das nicht. Und somit ist das Risiko gemindert. Kontaktverbote können – je nach Ausmaß der Krise – trotzdem zusätzlich notwendig sein.

Zumutbare Zumutung

Das Tragen der Masken an sich ist eine zumutbare Zumutung. Angesichts der Toten. Aber auch angesichts der Opfer, die große Teile der Bevölkerung wegen der Corona-Krise bringen müssen. Der Wechsel ins Home Office ist noch das Wenigste. Wirte, Schausteller oder Touristik-Anbieter müssen zusehen, wie ihre Existenzgrundlage und oft genug ihr Lebenswerk den Bach runtergeht.

Doch das Tragen das Masken ist auch nicht die Engstelle. Mal abgesehen von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidenten und Bundeskanzler in spe, Armin Laschet (CDU), der bei einem öffentlichen Termin den Atemschutz unterhalb der Nase trug. Der Engpass sind die fehlenden Masken. Krankenhäuser melden Mangel, noch schlimmer ist es in den Pflegeheimen.

Auf einem Öffentlichkeitstermin mit Laschet sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), er sehe „keine Notwendigkeit für eine Maskenpflicht“. Dabei verwies er auf die Standard-Unterschiede zwischen privat genähten und medizinisch genormten Masken. Generös räumte er ein, dass ja eine Maske tragen könne, wer wolle.

Wie so oft ist aber spannender, was ein Politiker nicht sagt. In dem Fall: Dass es gar nicht genug Masken für eine allgemeine Versorgung gibt. Denn dann könnte jemand auf die Idee kommen, dem Verantwortlichen die Frage zu stellen: Warum nicht? Und Spahn hätte einige Schwierigkeiten zu erklären, dass er mit der Verantwortung nichts zu tun habe.

Spahn wiegelt ab

Als die Corona-Krise noch keine Chefsache war, mit der sich die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten verantwortlich beschäftigten, trat der Fachminister als Beschwichtiger auf. Im Januar verwies er darauf, dass der Krankheitsverlauf nach Infizierung mit Corona harmloser sei als der bei einer Grippe oder Masern: „Und wir bekommen auch einen Masern-Ausbruch in Deutschland mit deutlich milderen Maßnahmen in den Griff, als wir sie derzeit in China sehen.“

A propos Maßnahmen. Als europäische Länder Ausgangssperren einführten, engagierte sich das Bundesgesundheitsministerium zu dem Thema. In einem Tweet: Dass der Lockdown in Deutschland eingeführt würde, stimme nicht. Wer das sage, verbreite gefährliche Fake News. Zwei Tage später machte das die Kanzlerin. Auf ARD und ZDF. Zur Prime Time. Gefährliche Fake News sind innerhalb von zwei Tagen zu Regierungshandeln geworden – selten hat ein Fachminister in einem so wichtigen Thema so an der Entwicklung vorbei gehandelt.

Die Sprachverwirrung geht indes ungerührt weiter: „Das saarländische Gesundheitsministerium rät von der Nutzung von sogenanntem Mund-Nasen-Schutz (MNS) und Partikelfiltrierenden Atemschutz (FFP) im Alltag ab“, erklärte das saarländische Gesundheitsministerium noch am Donnerstag-Morgen in einer Pressemitteilung. Das Tragen von Mundschutz und Atemmaske im Alltag könne zu einem falschen Sicherheitsgefühl führen und unter Umständen die Missachtung wichtiger Hygieneregeln zur Folge haben, hieß es zur Begründung. Damit bezog sich das Haus auf das Robert-Koch-Institut, das aber noch am gleichen Tag seine Haltung korrigierte.

 

Ein Satz in der Erklärung des saarländischen Gesundheitsministerium war immerhin indirekt ehrlich: „Die Reserven müssen dem medizinischen Fachpersonal in der Krise uneingeschränkt zur Verfügung stehen.“ Für medizinisches Fachpersonal und für die Bevölkerung reichen sie also offensichtlich nicht aus. Bleibt zu hoffen, dass wenigstens Ärzte, Schwestern und Pfleger ausreichend Masken erhalten.