Hundeblick. Oder die Botschaft: Glotz mich nicht so an und nimm das Ding runter!. Foto: Der Dicke

Hier kommt das andere Ende der Leine zu Wort: der Don. Zu den schwereren meiner Aufgaben gehört es, den Dicken zu verstehen. Das sollte einfach sein, könnte man meinen. Schließlich redet er ja genug. Aber um ihn wirklich zu verstehen, brauche ich etwas anderes: Zeichen.


Der Dicke packt den Koffer. Ich bin aufgeregt. Etwas passiert und ich mag es, wenn etwas passiert. Andererseits weiß ich nicht, ob ich mitfahre, wenn er verreist, also bin ich auch nervös. Dann greift er zu den Kotbeuteln und steckt sie in den Koffer. Ich habe es nicht mehr unter Kontrolle: Meine Rute stellt sich hoch und wedelt.

Die Kotbeutel braucht der Dicke nur für mich. Wenn er sie mit auf eine Reise nimmt, komme ich auch mit. Denn sonst würde er sie nicht mitnehmen. Das nennt sich Semiotik. Die Lehre, Zeichen zu deuten. Schlaue Leute wie Umberto Eco haben schlaue Bücher drüber geschrieben. Für mich ist es aber vor allem die Sprache, in der ich mich mit dem Dicken wirklich verstehe.

Wenn er redet, läuft vieles ins Leere. „Aus!“ „Sitz!“ „Leckerlis?“ Das verstehe ich noch. Aber wenn er mir etwas erzählt, mag ich es, seine Stimme zu hören. Aber es sagt mir nichts. Und selbst die Stimme zu hören, ist mir manchmal unangenehm, weil ich mich ab und an frage, ob er mit mir redet, weil ich etwas falsch gemacht habe.

Zeichen sind besser als Wörter

Zeichen sind da besser: Der Dicke putzt sich die Zähne, also geht er gleich schlafen und gibt mir vorher mein Gute-Nacht-Leckerli. Er zieht sich die Schuhe an, dann gehe ich in Habacht-Stellung. Greift er dann noch nach der Leine, komme ich mit – holt er in der Küche ein Leckerli, muss ich zu Hause bleiben, aber es gibt wenigstens noch was zu essen.

Das Abschieds-Leckerli ist das wichtigste von allen. Denn es ist auch ein Zeichen. Es signalisiert mir: Digga, ich geh zwar, aber ich bin nicht böse und ich komme wieder heim. Als ich erst drei Tage beim Dicken gelebt habe, hat er mich draußen angebrüllt. Ich hätte das Zeug nicht vom Boden essen sollen. Warum auch immer.

Als wir zurück in die Wohnung kamen, war er immer noch stinkig. Er nahm die Wäsche und verließ die Wohnung. Ich habe laut geheult. Das war das erste und einzige mal, dass ich zuhause Krach gemacht habe. Denn ich dachte, er kommt nicht wieder zurück. Daraus hat der Dicke gelernt und ist nie wieder im Streit gegangen – und auch nicht, ohne mir ein Leckerli zu geben.

Der Dicke versteht mich über Zeichen

Ich brauche die Zeichen nicht nur, um ihn zu verstehen. Noch viel mehr benötige ich sie, um mich dem Dicken verständlich zu machen. Denn mein Hals ist so gebaut, dass ich nicht sprechen kann. Trotzdem – vielleicht weil er schlaue Bücher von Eco liest – versteht der Dicke mich.

Manches ist einfach: Wenn ich nervös vor ihm tanze, muss ich raus – und zwar am besten vor fünf Minuten. Folge ich dem Dicken ins Bad, wo die Dusche ist, habe ich Angst. Und lasse ich mich beim Gassigehen fallen und weigere mich weiterzugehen, will ich zurück oder bin platt.

Der Dicke sagt, es sei einfach mich zu verstehen: Er gehe einfach davon aus, dass ich Hunger habe. Das stimme zu 99 Prozent, also sei die Mathematik auf seiner Seite. Wie ich es hasse, mit jemandem zusammen zu leben, der sich ein solides Halbwissen angelesen hat.

Manche Zeichen kommen selten vor

Aber irgendwie stimmt es natürlich auch. Essen macht nun mal einen großen Teil meines Lebens aus. Um so wichtiger sind die Zeichen, die nur selten vorkommen: Auf der Couch liege ich immer hinter dem Rücken des Dicken und schaue ihn an. Manchmal dreht er sich dann um und schaut mir ins Gesicht.

Ich hasse das. Ich werde nervös, wenn mir jemand ins Gesicht schaut. Dann fühle ich mich immer angegriffen. Dem Dicken signalisiere ich dann, dass ich das nicht mag: In Stufe eins gähne ich, in Stufe zwei kratze ich mich und wenn der Dicke gar nicht aufgibt, fange ich an, mir die Genitalien zu lecken. Dann dreht er sich freiwillig rum. Er hat die Zeichen verstanden.

Einmal kam der Dicke aus einem längeren Urlaub zurück. Zwischendrin war ich nervös geworden, weil er länger weg war als sonst. Und ja – ich war froh, als er dann zurück war. Abends hat er sich auf der Couch umgedreht, aber anders als sonst bin ich liegen geblieben. Es war halt ein Zeichen.

Der Dicke und ich, ich im Vordergrund. Selfie: Der Don

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