Sprechende Augen. Foto: Mario Thurnes
Viel wird über Haustiere gesagt und geschrieben. Hier kommt eines selber zu Wort: der Don. Hunde lügen nie. Heißt es. Das ist zwar Quatsch. Aber es war einiges an Arbeit, die Menschen das glauben zu machen. Gelungene Arbeit. Unser übertrieben gutes Image überrascht uns indes nicht. Denn wir Hunde sind PR-Profis. Keiner kommuniziert so gut wie wir.

Der Dicke redet mit mir. Ich mag das. Nun gibt es Zeitgenossen, die sind witzig, schlau und originell. In ihrer Selbstwahrnehmung. Die sagen dann: „Warten Sie darauf, dass er Ihnen antwortet?“ Haha. Witzig. Und so schlau und originell – wie ein Zweitklässler, der sich an seinem ersten Witz probiert.
Natürlich führen wir keine Dialoge, die in philosophische Tiefen reichen. Was weiß ich, über Wirtschaftspolitik zum Beispiel. Aber welchen Sinn würde das machen? Der Dicke ist Keynesianer. Der Irre.
Dennoch passiert etwas, wenn wir miteinander reden. Als ich zu dem Dicken kam, ging es mir nicht gut. Die Zeit in dem Zwinger und danach bei vielen verschiedenen Familien in kurzer Zeit hatte mir zugesetzt. Dann kam der Dicke und meinte, mich erziehen zu müssen: Vier Wochen lang hat er mich nur angeraunzt: „Nein!“ Weg da!“ „Doooohhhhhnnnn!“

Das Lob bedeutete mir viel

Auf ein mal. Bei einem Spaziergang. Aus dem Nichts quasi, da meinte er: „Gut gemacht, guter Junge.“ Ich weiß zwar nicht, worum es ging, aber wenn Ihr mir versprecht, es ihm nicht weiter zu erzählen: Das hat mir was bedeutet. Es ist schön, zu wissen, dass man Dinge richtig macht – und auch, wenn man das mal gesagt bekommt.
Unsere Unterhaltungen führen oft zum Ziel. Draußen kann ich dem Dicken sagen, wo ich hin will. Laufe ich schwänzelnd vor, will ich zum selben Platz wie er. Trödele ich hinter ihm her, möchte ich lieber woanders lang. Lege ich mich in die Leine, will ich nicht weiter. Zum Beispiel weil ich Angst habe.
Wenn ich Angst habe, ist der Dicke übrigens Gold wert. Wir feiern Silvester immer bei Freunden. Was hilfreich ist. Denn wenn es draußen knallt, beruhigt es mich, die Stimmen von Tina, Robert oder Gerd zu hören. Ich denk mir, wenn wir so viele sind, kann nicht so leicht was passieren.

Aus Bölls Schriften vorgelesen

Nur ein Jahr ging das nicht. Da haben der Dicke und ich Silvester alleine verbracht. Das war Horror. Keine Ablenkung. Nirgends nicht. Ich dachte, ich überlebe das Feuerwerk nicht. Da hat sich der Dicke mit mir ins fensterlose Bad gehockt – und hat mir vorgelesen. Aus dem Buch, das da gerade lag: „Heinrich Böll – Politische Schriften 1960 bis 1962“. Nun hat es mich nicht wirklich interessiert, was ein toter Mann über andere tote Männer zu sagen hatte. Aber es hat mich beruhigt, die Stimme vom Dicken zu hören.
Die Schlaumeier. Die von da oben im Text. Die werden sagen: „Er hört nur den Klang der Stimme und der beruhigt ihn.“ Und selbst wenn’s so wäre. Ist das denn so wenig? Am Ende ist es entscheidend, dass wir wissen, was der andere von uns will. Wobei das geheuchelt ist. Eigentlich ist mir nur wichtig, dass der Dicke kapiert, was ich von ihm will.
Der Dicke und ich, ich im Vordergrund. Selfie: Der Don

Wobei das ganz gut funktioniert. Wenn ich nervös tänzele, muss ich raus. Jetzt. Gleich. Drücke ich mich dem Dicken ans Bein und habe die Rute im Po, dann habe ich Angst. Und wenn ich atme, dann will ich was zu essen. Allerdings ignoriert der Dicke keine Forderung so oft wie die.

Aber auch da arbeite ich dran. Wenn er mich lebensgefährlich lange nicht mehr gefüttert hat – sagen wir mal drei Stunden – dann fange ich an zu röcheln und steigere das in ein Würgen. War ich bisher wirklich krank, dann war das jenes Symptom, an dem er es erkannt hat. Das nimmt er ernst. Da habe ich zumindest seine Aufmerksamkeit. Und in der Regel kriege ich dann von ihm, was ich will. Denn schließlich sind wir Hunde PR-Profis.
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