An seinem Symbolort Orscholz gibt sich das Saarland das richtige Lebensmotto. Foto: Mario Thurnes

Dem Saarland drohen schlechte Zeiten – schlechter als manchem Landstrich in Ostdeutschland. Das haben zwei Studien des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) belegt. Wer Auswege finden will, wird neue Wege gehen müssen.

Wer den Aktuellen Bericht sieht, wird beruhigt sein: Erfolgsmeldungen aus der Wirtschaft, fast jeden Abend. Wenn eine Nachricht wirklich mal schlecht ist, wird sie eingebettet in eine gute Rahmengeschichte. Wie soll ein Land den Bach runter gehen, dessen Nachrichten derart positiv sind?

Dahinter steckt ein Gedanke, der durchaus ernst zu nehmen ist: Wer nur Schlechtes reklamiert, wird nichts Gutes schaffen. Andererseits gilt: Wer Missstände schön redet, wird sie nicht abschaffen. Der schmale Grat zwischen Optimismus und Realismus – das saarländische Dilemma.

Das IW hat in die Zukunft geschaut. Wie werden sich Wirtschaftskraft, Bevölkerungsentwicklung oder der Zustand von Bahnen, Straßen und Netzen auf die Perspektiven der einzelnen Landstriche auswirken? Das Ergebnis: Das Saarland landete unter den schwächsten zehn Prozent. Es gehört zu 6 von 96 Regionen mit sehr schlechten Perspektiven. Und der Nachbar, die Westpfalz, gehört zu denen mit schlechten Perspektiven.

Eigenheimquote deutlich gesunken

Doch es ist nicht nötig, in die negative Zukunft zu schauen. Schon die Gegenwart bietet Unerfreuliches. Etwa in einem Punkt, der über Jahrzehnte die saarländische Identität ausgemacht hat: die Eigenheimquote. Der Bergmann und sein Häuschen waren im Goldenen Zeitalter des Bergbaus fast untrennbar miteinander verbunden.

Von 63 auf 51 Prozent ist die Eigenheimquote im Saarland laut IW zwischen 2010 und 2017 gefallen. Damit liegt das Land immer noch über dem Bundesschnitt von 45 Prozent – das zeigt aber auch, wie hoch die Quote vorher war. Ein Grund für den Rückgang könne sein, dass Familiengründer keine Perspektiven mehr im Saarland sähen und wegziehen, sagt Michael Voigtländer, Mitautor der Erhebung.

Nun wäre gerade das ein Argument für die Fraktion, die auf Optimismus setzen will. Schlechte Laune würde nur noch mehr dazu bewegen, dem Land den Rücken zu kehren.

Netzausbau machen, nicht schönreden

Die IW-Autoren, die sich den Zukunftschancen gewidmet haben, nennen den Netzausbau als eine Chance, die Überlebensfähigkeit des Saarlandes zu sichern. Nur gibt es kaum einen Bereich, in dem die Politik so viel schönredet und schönrechnen lässt, wie in der Netz-Versorgung.

Die Crux ist aber: Egal wie viele Studien in Auftrag gegeben werden. Egal wie viele Pressemitteilungen es dazu gibt. Und egal wie viele Medien wie oft diese Studien wohlwollend aufgreifen: Wer keinen Empfang hat, wird sich nicht erzählen lassen, dass er welchen hat – rein statistisch gesehen. Der Missstand wird nur verschwinden, wenn er behoben wird – nicht wenn die Sache schöngeredet wird.

Die IW schlägt Schuldenerlasse für die abgehängten Kommunen vor. Im Falle des Saarlands wird der aber kaum vom Land kommen. Denn das hat selbst kein Geld. Also muss der Bund welches rüberschieben. Ins Saarland, nach Görlitz, an die Ruhr oder nach Bremerhaven.

Doch im Bundeshaushalt klafft auch ein Loch, wie Finanzminister Olaf Scholz (SPD) jüngst mitgeteilt hat – nach Jahren lebendig sprudelnder Steuereinnahmen. Nun mehren sich die Meldungen über ein Ende des Booms. Ob in Zeiten rückläufiger Einnahmen mehr Geld nach Görlitz, Bremerhaven oder eben ins Saarland fließt, ist eher unwahrscheinlich.

Boomen lässt sich nicht verordnen

Es stellt sich auch die Frage, ob die Angleichung der Lebensverhältnisse wirklich sinnvoll ist: Der Bund hat mittlerweile über eine Billion Euro in den Osten investiert, ohne dass der ins Boomen gekommen wäre. Rheinland-Pfalz hat unter Kurt Beck (SPD) versucht, mit Großprojekten wie einem Freizeitpark für den Nürburgring die Eifel aufzuwerten – und ist kläglich gescheitert.

Wären also ungleiche Lebensverhältnisse nicht sinnvoller, wenn dabei allen ein angemssener Wohlstand gesichert wird? Gemeinden, die über Leerstände im Ortskern klagen, weisen Neubaugebiete am Ortsrand auf. Sodass die letzten Wiesen und Felder weichen müssen. Alles für ein paar kurzfristige Einnahmen mehr.

Wer will aber aufs Land ziehen, wenn es dort nicht einmal mehr Natur gibt? Glaubt wer, dass jemand endlose Einfamilienhaus-Wüsten wählt, der auf der Flucht vor endlosen Hochhaus-Wüsten ist? Die Chance, Grün um sich zu haben, ist eines der wichtigsten Argumente für ein Leben auf dem Land überhaupt. Sich das selbst zu nehmen, ist politischer Selbstmord.

Stattdessen Breitband ausbauen, Straßen erhalten und zusätzliche Angebote für den öffentlichen Nahverkehr schaffen. Dann ließe sich ein Leben auf dem Land mit Wohlstand vereinbaren.

Attraktiv für Ältere

Die meisten werden dabei an junge Klischee-Startuper denken. Doch es gibt auch eine andere Gruppe, für die das Leben auf dem Land in der Summe sinnvoll sein kann: ältere Menschen. Wenn sie in erreichbarer Nähe finden, was sie brauchen – Supermärkte etwa, oder Ärzte – ist der größere Frieden des Landes für sie vielleicht ausschlaggebend.

Große Ansiedlungen von Industriebetrieben sind in Deutschland auf absehbare Zeit unrealistisch. Mittelständische Strukturen sind wichtig, stoßen aber dort auf ihre Grenzen, wo es keine großen Motoren als Beschleuniger gibt. Die Kaufkraft von Senioren und Einnahmen durch Startup-Unternehmen wären stückweise ein Ersatz.

Aber das IW hat einen wunden Punkt getroffen: Ohne Geld von außen wird sich die saarländische Wirtschaft unterm Strich nicht vitalisieren. Ob das aber ausgerechnet an die Saar fließen wird, ist unwahrscheinlich. Dann steht irgendwann allerdings die Frage im Raum, wie lange das Saarland noch eigenständig überlebensfähig ist? Aber an die wird der Aktuelle Bericht seine Zuschauer noch sehr schonend heranführen müssen.