Präzise Formulierungen und wirre Gedanken wechseln sich ab in Broder, "Wer, wenn nicht ich". Foto: Mario Thurnes

Henryk M. Broder hat ein Buch veröffentlicht. „Wer, wenn nicht ich“. Was es ist, lässt sich nur schwer in einem Wort zusammenfassen. Am ehesten noch eine Streitschrift. Doch eigentlich stellt Broder keine Forderung auf, für die er streitet. So bleibt am Ende ein Spottlied auf haltungsbewegte Menschen übrig und ein Eintreten für die freie Rede, auch dann noch, wenn sie unsinnig ist.


Für „Wer, wenn nicht ich“ hat Broder journalistische Arbeiten des Sommers 2019 ausgewertet. Der war geprägt von Berichten über Klimaschutz-Demos und Flug- sowie Autoscham, die sich in der Bevölkerung angeblich ausbreiteten. Eine Erzählung von Haltungsjournalisten, an denen diese auch dann noch festhalten, wenn Statistiken veröffentlicht werden, aus denen hervorgeht, dass Fluggastzahlen ebenso steigen wie die Neu-Anmeldungen von Autos.

Solche Widersprüche greift Broder gerne auf und führt ihre Urheber vor. Für Großteile der deutschen Linke ist er so ein rotes Tuch geworden. Oder besser ein braunes. Jakob Augstein etwa, Sohn und Publizist, hat Broder zusammen mit Thilo Sarrazin und dem Publizisten Roland Tichy einen „Wegbereiter“ des Massenmords von Hanau genannt. In dieser Atmosphäre hat Broder sein Buch „Wer, wenn nicht ich“ veröffentlicht.

Der Name des Buchs wird somit brisant. Broder ist Jude und seine Religion ist ein wichtiges Thema seiner Arbeit als Publizist: „Ihr seid Versager. Und wenn nicht ihr, dann eure Eltern und Großeltern… Wenn man einen Job anfängt, muss man ihn zu Ende bringen… Schafft man es nicht, müssen sich die Nachkommen immer wieder dafür rechtfertigen, was die Altvorderen angestellt haben.“

Kompromisslos hart

Das Zitat, das sich schon im Umschlagtext von „Wer, wenn nicht ich“ findet, ist typisch für Broder: Zum einen formuliert er kompromisslos hart und ist somit das Gegenteil von politisch korrekt. Zum anderen trifft er immer wieder zielsicher die offenen Wunden derer, die er beschreibt.

Im Fall der deutschen Linken ist es die Erbschuld, die Nachfolger der Mörder des Holocausts zu sein. Und Broder bohrt gerne in dieser Wunde. Wenn er die Idee einer Stelle beschreibt, die über die Qualität im Netz publizierter Texte entscheiden soll, spricht Broder von „Reichs-Internetkammer“. Für die Idee, Umweltsünder zu denunzieren, führt er den Begriff des „Klimaschädlings“ ein. Eine bewusste Anlehnung an die Terminologie der Nazis, die Juden als „Volksschädlinge“ bezeichneten.

In den harmloseren Passagen des Buchs wirft Broder der Linken vor, belanglos zu sein – „antifaschistischen Widerstand zum Nulltarif“ zu leisten. In den harten Passagen wirft er der Klimaschutz-Bewegung vor, antidemokratisch zu sein. Und antiliberal: „Was sich da Bahn bricht, ist der Totalitarismus der Besorgten, die im Namen „künftiger Generationen auftreten, um sich selbst zu ermächtigen, Gebote und Verbote auszusprechen.“

In der rechten Ecke ist Broder längst gelandet. Als Augstein ihn mitverantwortlich für einen durch einen Geisteskranken durchgeführten Massenmords gemacht hat, war das weder mutig noch kontrovers. Unangemessen fanden das höchstens welche, die für Augstein eh Nazis sind. In seiner Bezugsgruppe dürfte der Sohn und Publizist eine Welle des Wohlwollens erlebt haben.

Jüdischsein zum Thema gemacht

So bringt denn Broder sein Jüdischsein immer wieder auch gezielt ins Spiel. Zum einen, weil es ein Spagat für Nazi-Enkel bleibt, einen Juden Nazi zu nennen. Zum anderen, weil er weiß, wie sehr es seine publizistischen (und politischen) Gegner ärgert. Und daran hatte Broder schon immer eine diebische Freude.

Politische Forderungen stellt Broder selten auf. Bestenfalls lassen sie sich aus der Kritik an den Forderungen anderer ableiten. Dieser Kritik kann der Leser von „Wer, wenn nicht ich“ manchmal leicht folgen – manchmal ist der Weg zu ihr versperrt und das Ziel auch nur bedingt erstrebenswert.

Diese Unschärfe in der Aussage ist verblüffend. So klar und präzise Broder formulieren kann, so wirr und diffus ist er mitunter in seinen Gedanken: Etwa wenn er Frauen ihr Smartphone aus der Hand schlagen will, weil diese verhüllende Kleidung tragen. Warum kommt jemand nicht auf den Punkt, der so gut auf den Punkt kommen kann? Damit liefert Broder dann denen den Stoff, die ihn in der rechten Ecke haben wollen.

Auch wenn Broder ihnen vorwirft, dass sie damit nur die Vergangenheit ihrer Ahnen reinwaschen wollen: „Dabei geht es nicht darum, die Rechten als Nazis von heute zu entlarven, es geht darum, die Nazis von gestern zu rehabilitieren. Wenn die NSDAP so schrecklich war, wie es die AFD jetzt ist, dann war die NS-Gang ein ziemlich harmloser Haufen, dann können Oma und Opa in Frieden ruhen und die Enkel da weiter machen, wo die Großeltern aufhören mussten.“

Henryk M. Broder, „Wer, wenn nicht ich“ ist in der Achgut.Edition erschienen und für 24 Euro im Handel erhältlich. Der Verlag vertreibt es auch auf seiner eigenen Homepage.