Foto: Guido Strauss/Theresa Weinand | automedien.de

Eines muß man den Briten lassen, beim Brexit hat keiner mehr den Durchblick, aber Sportwagen bauen, das haben sie drauf! Eigentlich dachte ich, nachdem ich bereits den McLaren 720S als Coupé zum Testen hatte, der läßt sich kaum noch toppen. Doch dann fragte McLaren an, ob ich Lust hätte, die offene Version des Supersportlers in Paris bei einem Kollegen abzuholen. So schnell hatte ich noch nie ein Bahnticket gebucht. Viereinhalb Stunden von Andernach bis in die französische Hauptstadt, ein Klacks.

Dort angekommen, erwartet mich ein Nugget auf vier Räder. Aztec-Gold nennt sich die Farbe, die den 1.196 mm flachen Spider in der Sonne strahlen läßt wie eine Supernova. Und die Sonne scheint an diesem 17. Juli in voller Pracht vom Himmel, und mir vor Freude aus dem Gesäß. Knapp 600 km sind es bis nach Hause, fast ausschließlich Autobahn, und leider bei den Gallier auf 130 km/h begrenzt.

Foto: Guido Strauss/Theresa Weinand | automedien.de

Bevor die Fahrt losgeht, einige Stammtischeckdaten: Im Heck treibt ein Vier Liter V8-BiTurbo mit brachialen 720 PS (530 kW) und einem Drehmoment von 770 Nm sein Unwesen. Damit beschleunigt die nur 1.332 kg (Leergewicht) leichte Flunder in 2.9 Sekunden auf 100, in 7.9 auf 200 und in sage und schreibe 19.2 Sekunden auf 300 Sachen. Geschlossen ist dann bei 341 km/h, offen bei 325 Feierabend. Das 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe gibt dabei die Leistung perfekt an die Hinterachse weiter. Ebenso schnell arbeitet der Hardtopmechanismus, Knopf gedrückt, 11 Sekunden später strahlt der blaue Himmel über mir. Das ganze funktioniert sogar bis Tempo 50. Auch was die Negativbeschleunigung betrifft, liefert der 720S Spider absolute Toppwerte. Ein Bremsweg von 30 m und eine Verzögerung von 12,86 m/s² sind sensationell. Das bedeutet, der Wagen kommt nach 2,16 Sekunden von 100 auf 0 km/h zum Stehen.

Foto: Guido Strauss/Theresa Weinand | automedien.de

Die Fahrt über die französische Route Richtung Heimat ist hingegen automobiles Chillen pur, Tempomat auf 130, rollen lassen, die Landschaft, das Wetter und den herrlichen V8-Sound genießen. So bewegt, genehmigt sich der Sportler rund 10 Liter Super Plus (CO2 Emission: 276g/km). Erst auf der A1 ab Saarbrücken ändert sich Dr. Jeckyll und wird zu Mr. Hyde. Dach zu, die Fahrperformance auf “Track” eingestellt und ab gehts im Tiefflug sobald die Strecke frei ist.

Foto: Guido Strauss/Theresa Weinand | automedien.de

Alter Schwede, sorry, Brite, das nenn ich Vortrieb. Ein Katapult ist nichts dagegen. Irgendwie nicht normal, was die Ingenieure da nördlich von London erschaffen haben. Kämpfte ich zu Anfang mit einer Gänsehaut vor lauter Begeisterung, bekomme ich nun einen Krampf. Im Gesicht. Rechts und links in den Mundwinkeln. Vom Grinsen. Ich befürchte, das bleibt einige Zeit und ich kann mich für den nächste Batman-Film zum Casting für die Rolle des Jokers anmelden.

Foto: Guido Strauss/Theresa Weinand | automedien.de

Unfassbar, mit welch stoischer Ruhe dabei diese Flunder auf der Straße liegt. Selbst die Befürchtung, das Fahrwerk würde für nachhaltende Rückenschmerzen und ein gestauchtes Steißbein sorgen, erweisen sich als vollkommen unbegründet. Am Ende des Tages steige ich so entspannt aus, als hätte ich den Tag in einer Bentley-Limousine verbracht.

Doch ein McLaren wäre kein McLaren, wenn er nicht noch einige Gimmicks an Bord hätte. So ist das Hardtop mit einer elektrochromen Glasscheibe verfügbar, die auf Knopfdruck zwischen getöntem und transparentem Zustand wechseln kann. Hinter dem Lenkrad befindet sich ein drehbares Monitordisplay.  Dieses lässt sich um 90 Grad versenken, sodass der Fahrer nur noch ein schmales Datenband vor sich sieht und sich voll auf die Strecke konzentrieren kann.

Foto: Guido Strauss/Theresa Weinand | automedien.de

Weiter geht´s auf der A48 mit einem kurzen Blick auf den Verbrauch. 17,8 Liter. Junge, die haste dir auch redlich verdient. Bei Usain Bolt sagt auch keiner was, wenn er sich im Anschluss an einen 200m-Sprint 3 Liter Iso in den Hals schüttet. Wer so rennt, darf sich was genehmigen. Und dem Spider nimmt niemand auch nur einen Tropfen übel, doch wie bereits erwähnt, er kommt auch mit deutlich weniger aus. Dieser McLaren ist einfach in jeder Hinsicht ein Extrem.

Das beginnt schon beim Preis. Rund 273.000 Euro sind eine Menge Schotter, aber fahrerisch und dynamisch ist der 720S Spider die Messlatte in dieser Preis- und Leistungsklasse. Er ist das automobile Superlativ unter den offenen Superlativen. Extrem in jeder Hinsicht, vor allem, was Fahrspaß und Beherrschung angeht. Ja, er ist ein Biest, aber mit dem richtigen Dompteur, der die Technik mit Respekt behandelt, total easy zu bändigen.

Foto: Guido Strauss/Theresa Weinand | automedien.de

Drei Wochen durfte ich den Wagen nutzen, und er war jeden Tag im Einsatz. Doch das schönste Erlebnis war bei einer Einladung der Flugschule Rhein-Main und BoostYourCity.de zum Flugplatzfest „Charity for Kids“ in Mainz-Finthen. Die Veranstalter erfüllten an diesem Tag bis zu 80 zum Teil schwer kranken Kindern den großen Traum vom Fliegen. Teilweise chartern die Piloten extra Maschinen, um die betroffenen Kinder kostenlos fliegen zu können. Ursprünglich sollte der McLaren neben einer tollen Star Wars-Truppe als Eyecatcher zu bestaunen sein, doch kurz entschlossen bot ich den Sitz neben mir gegen eine Spende zu Gunsten von „Kidicare“ für Schnupperfahrten an. Und es lohnte sich für alle. Das erwähnte Grinsen war gegen Ende der Veranstaltung auf unzähligen Gesichtern zu sehen, ganz besonders bei den Mitarbeitern der  Johanniter-Unfall-Hilfe bei der Übergabe der prallen Spendendose.

Mein Fazit: Der 720S Spider ist ein absoluter Traumwagen mit einer faszinierenden Technik, einerseits der kraftstrotzende Sportler, andererseits absolut alltagstauglich, denn im vorderen Kofferraum haben 2 Kisten Stubbi übereinander perfekt Platz. Und zwei französische Baguette.

Bericht/Fotos (Titelseite): Guido Strauss/Theresa Weinand