Preisgekrönter Journalist Birk Meinhardt. Foto: Birk Meinhardt privat

Unter Journalisten war Birk Meinhardt ein Star: Reportage-Autor bei der Süddeutschen Zeitung, zwei mal den Kisch-Preis gewonnen – Champions League. Nun hat er ein Buch vorgestellt, in dem er erklärt, was am Journalismus dieser Tage kranke. Der Name ist Programm: „Wie ich meine Zeitung verlor“.


Über Wochen war Claas Relotius in Minnesota. Dann kam er zurück mit einer an entscheidenden Stellen zusammen gelogenen Geschichte. Er habe keine gute Geschichte gefunden, begründete er seine Lügen, als diese aufgeflogen waren. In Minnesotta. Wo später George Floyd nach der Misshandlung durch einen Polizisten zu Tode kam, was Rassismus-Debatten in der gesamten westlichen Welt auslöste.

Keine Geschichten gefunden? Wohl kaum. Relotius hat lediglich keine Geschichte gefunden, die in die Erwartungshaltung seines Arbeitgebers passte: Trump ist ein Nazi. Die Stadt, in der Relotius war, ist eine Trump-Hochburg. Also muss der Rassismus in dieser Stadt auf der Straße zu sehen sein. Als das so nicht war, erfand Relotius dann unter anderem das Schild am Ortseingang, das Mexikaner für unerwünscht erklärte.

Sünder. Einzelfall. So sprach sich die Branche frei, als Relotius‘ Lügen öffentlich wurden. Oder nur ein Extremfall. Immer mehr Journalismus versuchen nicht mehr, Geschichten zu beschreiben wie sie sind – sondern versuchen nur noch ihre Sicht der Dinge zu bestätigen. Mit dieser These arbeitet Birk Meinhardt in „Wie ich meine Zeitung verlor“ – einem Abgesang auf den Haltungsjournalismus dieser Tage.

Kein Wort von Lügenpresse

Klingt nach „Lügenpresse“. Doch dieses Wort fällt in „Wie ich meine Zeitung verlor“ nicht ein einziges mal. Und Meinhardt hat offensichtlich Angst davor, von Rechten vereinnahmt zu werden. Er, das ehemalige Mitglied der SED. Der im Vorstellungsgespräch darauf verzichtet hat, zu behaupten, er sei nur aus Opportunismus eingetreten. Der aus der Perspektive eines enttäuschten Liebhabers über sein Medium schreibt: „Ich ertappe mich dabei, ein verdammter Weiterliebender zu sein.“

Doch genau in dieser Angst, als „rechts“ abgestempelt zu werden, macht Meinhardt die Wurzeln des Übels im Haltungsjournalismus aus: Ob er keine Angst habe, dass die Rechten seine Geschichte als Präzedenzfall nutzen würden, muss er sich fragen lässt, als er eine Reportage über Rechte anbietet, die Opfer von Justizirrtümern wurden. Eine Reportage, die nach Mechanismen hinter diesen Irrtümern sucht – und findet. Der Beitrag wird letztlich nicht veröffentlicht – der Autor hatte sich geweigert, ihn an entscheidenden Stellen zu ändern.

Meinhardt ist der Anti-Relotius. Er will seine Geschichten nicht so weit verbiegen, bis sie in das Weltbild seines Mediums passen. Lieber zieht er sie ganz zurück. Wobei das in den Rahmen Pressen eben kein Lügen ist. Die Technik funktioniert anders.

„Weglassen und Hervorheben“

„Weglassen und Hervorheben“ sind die Methoden, mit denen Zeitungs-Journalisten die Welt in ihr Weltbild einpassen. Meinhardt erklärt am Beispiel Chemnitz, wie das funktioniert: Ein Einheimischer wird erstochen, daraufhin kommt es zu Protesten und zu einer „Verfolgungsjagd“, an deren Echtheit Zweifel geäußert werden.

Die Verfolgungsjagd ist über Tage Thema. Er bestimmt die Schlagzeilen. Der ursprüngliche Mord kommt erst spät im Text. Irgendwann gar nicht mehr. So verschwindet er aus dem Bewusstsein der Menschen. Während die Verfolgungsjagd immer wieder als Thema aufgegriffen wird, werden Meldungen, die dem eigenen Weltbild widersprechen, unterdrückt.

Was nicht ins Weltbild passt, wird nicht verschwiegen. Erst recht wird nicht gelogen. Sondern bagatellisiert: „Es ist genau jenes in Kurzmeldungen Gefasste und sodann im Schweigen Versinkende, das meinen Argwohn hervorruft“, formuliert Meinhardt. Und er sieht Methode dahinter: „Das ist ja alles nur noch in eine Richtung gebürstet! Das ist ja ein Dauerzustand geworden: einer Haltung Ausdruck zu verleihen und nicht mehr der Wirklichkeit.“

Beitrag zur Radikalisierung

Meinhardt hat sich aus dem Journalismus zurückgezogen. Schreibt mittlerweile Romane. Das merkt man „Wie ich meine Zeitung verlor“ denn auch an. Es ist nur noch bedingt ein journalistisches Werk. An vielen Stellen verzichtet der Autor auf etwas, das für den Journalismus charakteristisch ist: Namen nennen.

Er verschweigt die Namen von Personen und Medien, obwohl die all zu deutlich hervor scheinen. Er nennt die Richtung nicht, in die alles gebürstet wird, obwohl eindeutig links gemeint ist. So macht Meinhardt sich vielleicht weniger angreifbar, erschwert es den Rechten ihn zu vereinnahmen – aber er verliert dadurch auch an Biss.

Wobei seine Perspektiven eindeutig sind: Handwerklich läuft es auf Selbstzensur hinaus, was in Redaktionen passiere. Vieles erinnere ihn an seine journalistischen Anfänge in der DDR. Diesem Journalismus würden weiterhin die Kunden weglaufen, weil Meinung kein Gut sei, für das Menschen Geld ausgeben wollten. Und selbst politisch wird der Haltungsjournalismus nur eine Zeit lang erfolgreich sein: „Wieso kommen all die Weglasser und Hervorheber nicht auf die Idee, dass sie, sie selber einen gehörigen Beitrag leisten zur Radikalisierung, die sich vor ihren Augen vollzieht?“


Birk Meinhardt: „Wie ich meine Zeitung verlor“ ist bei „Das Neue Berlin“ erschienen und für den empfohlenen Preis von 15 Euro erhältlich